Dai Sijie - Muo und der Pirol im Käfig

Originaltitel: Le complexe de Di
Roman. Piper Verlag 2004
390 Seiten, ISBN: 349204624X

Es war wie ein Initiationsritus gewesen, damals, als Muo Freuds Traumdeutung im Studentenheim unter der Bettdecke gelesen hatte. Da kannte jemand seine Träume! Eine völlig neue Welt tat sich für Muo auf, und als er nach seinem Studium die Möglichkeit bekam, mit einem Stipendium nach Paris zu gehen, nutzte er die Chance vor allem dafür, sich dreimal wöchentlich einer Psychoanalyse zu unterziehen. Dass er anfangs der Sprache gar nicht mächtig war tat seiner Leidenschaft für die neuentdeckte Lehre keinen Abbruch.

Aber nun ist er zurück in China; der erste chinesische Psychoanalytiker, der Mann, der das Unterbewusste erforschen kann. Aber seine erste Aufgabe besteht darin, seine alte Studienfreundin Vulkan des alten Mondes aus dem Gefängnis zu befreien. Die Möglichkeiten dazu sind im neuen China gegeben; er muss nur Richter Di bestechen, was sich aber dennoch als gar nicht so einfach erweist.

Sein erster Versuch bringt ihn in eine psychiatrische Anstalt - als Patient. Auch den nächsten vermasselt er, aber er erhält noch eine dritte Chance: er soll Richter Di eine Jungfrau besorgen.

Und so bricht Muo auf, mithilfe seiner Traumdeutung eine willige Jungfrau zu finden, die sich für ihn opfert...

Wer "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" gelesen hat, war vielleicht wie ich verzaubert von dieser unprätentiösen Liebesgeschichte, von der gewollt naiven Darstellung der Umerziehung nach der Kulturrevolution.

Aber dieses zweite Buch hatte für mich gar nichts mehr von diesem Charme, im Gegenteil: die Darstellung des töpelhaften Psychoanalytikers, der wirklich jedes Klischee erfüllt, ist so überzogen, die Story an sich so hanebüchen, dass von Lesevergnügen keine Rede sein kann.

Nein, von meiner Seite keine Empfehlung!

Dai Sijie

Dai Sijie, geboren 1954 in der Provinz Fujian in China. Von 1971 bis 1974 wurde er im Zuge der kulturellen Umerziehung in ein Bergdorf verschickt. Nach Maos Tod studierte Dai Sijie Kunstgeschichte und emigrierte 1984 nach Paris. Bisher hatte sich Dai Sijie als Filmemacher einen Namen gemacht (Chine ma douleur, 19989) "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" war sein erster Roman; er hat ihn auf französisch verfasst.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©11.07.2004 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing