Dai Sijie - Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Originaltitel: Balzac et la petite tailleuse chinoise
Roman. Piper Verlag 2001
200 Seiten, ISBN: 3492042899

China nach der Kulturrevolution. Intellektuelle? Zahnärzte, Lehrer, Mediziner? Gehören umerzogen! Und so geht es auch Luo und seinem Freund; die Eltern sind Ärzte, Luos Vater hat sogar Mao ein neues Gebiss verpasst. Und den großen Fehler begangen, darüber zu reden. Also sind die beiden Söhne jetzt auf dem hohen, weltabgelegenen Berg und sollen in einem Dorf umerzogen werden.

Barfuß mit den Bauern bergauf, bergab; und dabei nur eine minimale Chance, in absehbarer Zeit für genügend in der wahren Gesinnung gefestigt zu gelten, um wieder in ein zivilisiertes Leben zurückkehren zu können. Die Geige konnten die beiden vor der Zerstörung durch die Bauern durch eine kleine List retten. Ihr Erzähltalent schließlich gewährt ihnen einmal im Monat ein bisschen Freiheit; nachdem sie einige Filme nacherzählt hatten, lässt der Laoban sie die Zweitagesreise in die nächste Stadt machen, den Film ansehen, zwei Tage zurück - und auf dann müssen sie eine Vorstellung abliefern, die auf die Minute genau so lang wirkt wie der gesehene Film.

Aber was sie besonders vermissen, sind Bücher. Die, so vermuten sie, hat allerdings Brillenchang auf irgendeine Weise retten können. Brillenchang ist im Nachbardorf zur Umerziehung; doch so oft sie ihn auch besuchen und löchern, er schweigt eisern und lässt sich durch nichts bewegen, zumindest einen Blick auf den geheimnisvollen Koffer zu gewähren, in dem die Freunde die Bücher vermuten. Not macht erfinderisch; eine List, eine Verkleidung und ein langer, alkoholreicher Abend wird mit einem schmalen, abgegriffenen Bändchen belohnt. Gewiss das dünnste aus Brillenchangs Sammlung; aber welch ein Glück! Sogar ausländische Lektüre!

Die Verkleidung war nur durch die Nähkünste der kleinen Schneiderin möglich. Diese hatten die beiden Freunde erst vor kurzem kennen gelernt; und nicht nur die fehlenden Schwielen auf den Fingern lassen sie von ihrer Umgebung abstechen. Es ist ihr Lachen, ihre Natürlichkeit, und vor allem ihre Schönheit, die beide Freunde gleichermaßen gefangen nehmen. Beflügelt durch die gerade genossene Lektüre beginnt ein zartes Liebesverhältnis zwischen der Schneiderin und Luo.

Auch die restlichen Bücher erobern die beiden Freunde bei einer waghalsigen Aktion; und Balzac hält nicht nur Einzug in die Köpfe der beiden Freunde, sondern durch den Einfluss auf die kleine Schneiderin auch auf die Bekleidung, auf Frisuren - und sie wird ihnen noch einmal das Leben retten...

Eine wunderbare Liebesgeschichte wird hier erzählt; vor dem Hintergrund der Kulturrevolution kann man mitverfolgen, welchen Trost und welche Kraft Bücher zu geben vermögen, zu Zeiten, wenn ihr Besitz verboten ist. Mitzuerleben, wie die beiden Freunde in eine völlig fremde Welt eintauchen, wie viel Gültigkeit auch Bücher, die schon hundert Jahre alt sind, immer noch haben - nein, es ist nicht nur eine Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann und einem Mädchen, es ist vor allem eine Liebesgeschichte mit der Welt der Literatur.

Und darin gibt es auch viele Stellen, die zum Schmunzeln oder ekeln einladen; wenn zum Beispiel der Laoban unter schrecklichen Zahnschmerzen leidet und sich darauf besinnt, dass doch einer seiner beiden Schutzbefohlenen von Zahnärzten abstammt. Wie sein Zahn hier mithilfe einer Nähmaschine behandelt wird, das verursacht auch dem hartgesottensten Zahnschmerzen.

Besonders berührend ist auch das Dreiecksverhältnis; zwei Freunde, die beide dieselbe Frau lieben - das kann nicht gut gehen. Aber was davon am Ende bleibt, was Bestand hat - das solltet ihr selber lesen und genießen.

Dai Sijie

Dai Sijie, geboren 1954 in der Provinz Fujian in China. Von 1971 bis 1974 wurde er im Zuge der kulturellen Umerziehung in ein Bergdorf verschickt. Nach Maos Tod studierte Dai Sijie Kunstgeschichte und emigrierte 1984 nach Paris. Bisher hatte sich Dai Sijie als Filmemacher einen Namen gemacht (Chine ma douleur, 19989) "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" war sein erster Roman; er hat ihn auf französisch verfasst.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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