Anita Shreve - Der weiße Klang der Wellen

Originaltitel: The Last Time They Met
Roman. Piper Verlag 2000
347 Seiten, ISBN: 3492043518

Ob Linda auch zu diesem Lyrikkongress angereist wäre, wenn sie sich das Programm durchgelesen hätte, weiß sie selber nicht. Denn dann hätte sie auch gesehen, dass Thomas eingeladen war - Thomas, den sie seit ihrer Jugend kannte, mit dem sie so viel verband - und von dem sie so viel trennte.

Beinahe 25 Jahre hatten sie sich nicht mehr gesehen, als sie sich jetzt gegenüberstanden. Und doch: nichts hat sich verändert. Immer noch ist da diese Anziehungskraft - trotz all der Wunden, die sie sich gegenseitig zugefügt hatten. In dieser Zeit hatte sich vieles verändert; beide hatten sie geheiratet, Kinder bekommen. Und es war nicht lange her, dass Thomas seine kleine Tochter bei einem Bootsunfall verloren hatte. Auch Linda hatte ihre Verluste zu tragen; nach langen Jahren einer sehr glücklichen Ehe war ihr Mann plötzlich an einem Schlaganfall gestorben, ihr Sohn hatte sich als Homosexueller geoutet - und sich zum Alkoholiker entwickelt.

Immer wieder versuchen sie in ihren Gesprächen die Vergangenheit einzuholen; damals, als sie mit 17 das erste Mal getrennt wurden, nach dem schrecklichen Autounfall - wie konnten sie sich danach nur aus den Augen verlieren? Aber viel stärker noch als diese Zeit in ihrer Jugend hatten sie sich gegenseitig verletzt, als sie sich Jahre später wieder trafen.

In Nairobi, auf einem Markt waren sie sich zufällig begegnet - auf einem Markt, an dem beide schon seit einem Jahr regelmäßig einkauften. Obwohl sie beide verheiratet sind, wissen sie sofort: darauf können sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Sie beide sind füreinander bestimmt, und diesmal dürfen sie den geknüpften Faden nicht wieder reißen lassen. Leidenschaftlich begehren sie sich, die wenigen gestohlenen Stunden vergehen wie im Fieberrausch - und dann gibt es diesen verhängnisvollen Abend, als alles wieder auseinander bricht...

Eines vorweg: ich mag Kitsch, Melodramatik, Lektüre, die mich zu Tränen rührt. Sofern es gut gemacht ist und man es wie mit Pralinen halten kann: eine süße Köstlichkeit, die man sich ab und an gönnt.

So etwas hatte ich auch von Anita Shreve erwartet. Was ich bislang über ihre Bücher gehört habe, hatte in mir den Eindruck erweckt, es handle sich um eine Autorin, die einen rührseligen Stoff auf wunderbare, fesselnde Weise an die Leserin zu bringen versteht.

Bei "Der weiße Klang der Wellen" ist ihr das aber auf keinen Fall gelungen. Ich habe mich selten so gelangweilt, während ich ein Buch gelesen habe - nach dem ersten Teil war ich nahe dran, es gar nicht zu Ende zu lesen. Denn obwohl wirklich nichts ausgelassen wird, von Kindesmissbrauch bis zum homosexuellen Sohn, der auch noch Alkoholiker werden muss, Fehlgeburten, Drogen, betrogene Ehepartner, tote Kinder - kein einziges Detail davon hat mich auch nur im mindesten berührt. Statt nur eine Geschichte, die dafür gut erzählt wird liefert Anita Shreve hier einen Eintopf ab, der sich nicht durch die Qualität, sondern die Quantität seiner Zutaten auszeichnet.

Vom an den Haaren herbeigezogenen Ende will ich hier gar nicht erst sprechen...

Ein Buch, das ich nicht weiterempfehlen kann.

Anita Shreve

Anita Shreve, in den USA schon seit Jahren eine gefeierte Bestsellerautorin, erlebte in Deutschland ihren Durchbruch mit "Das Gewicht des Wassers".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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