Aki Shimazaki - Tsubame

Originaltitel: Tsubame
Roman. Verlag Antje Kunstmann 2004
116 Seiten, ISBN: 3888973503

Weil sie in ihrer Jugend in Korea politisch aktiv waren, sind Yonhis Mutter und ihr Onkel nach Japan geflüchet und schlagen sich hier mehr schlecht als recht durch. Aus dem Wunsch heraus wieder zurückzukehren wird Yonhi auch in die koreanische Sprache und Kultur eingewiesen; in Korea war ihre Mutter Lehrerin, hier in Japan muss sie froh sein, als Putzfrau arbeiten zu können.

Doch dann, am 1. September 1923, verliert Yonhi nicht nur ihre Mutter und ihren Onkel, sondern auch ihren Namen... an diesem Tag erschüttert ein gewaltiges Erdbeben die Gegend von Tokio. Und schon kurz nach dem Beben fangen die Gerüchte an "Die Koreaner vergiften die Brunnen!" "Die Koreaner zetteln einen Aufstand an!" Ein Masaker unter der koreanischen Bevölkerung ist die Folge. Yonhis Mutter gelingt es durch Geistesgegenwärtigkeit und die Hilfe einer Frau, ihre Herkunft zu verbergen, doch sie sind nicht mehr sicher. Yonhi wird in ein katholisches Waisenhaus gebracht, wo sie den Namen Mariko erhält.

Jahrelang wartet sie auf die Wiederkehr ihrer Mutter; es dauert fast genausolang, bis sie zum erstenmal wieder spricht. Der Priester nimmt sich ihrer immer mit besonderer Fürsorge an, verschafft ihr die nötigen Papiere, die ihr ein geschütztes Auskommen ermöglichen.

Ihr erstes Kind hat sie von einem verheirateten Mann; doch obwohl ihr Ehemann sich gegen den Willen seiner Eltern zu ihr bekennt, sie heiratet, ihren Sohn adoptiert, verrät sie ihm trotzdem nichts über ihre Herkunft.

Erst Jahre später, als ihr Mann tot ist, sie bei ihrem Sohn und den Enkelkindern lebt, wird die Vergangenheit für sie auf eine Weise wieder präsent, die sie nicht erwartet hatte; die Leichen der Koreaner, die damals gemeuchelt wurden, werden exhumiert. Ihre Enkelin geht mit einer Koreanerin zur Schule, und auch in ihrer Familie wird die Geschichte der Koreaner in Japan plötzlich zum Thema - auch wenn Mariko sich immer noch nicht entschließen kann, ihnen die Wahrheit zu sagen...

Dieses schmale Büchlein, das man leicht in ein, zwei Stunden weglesen kann, hat mich nicht wegen seiner stilistischen Brillanz oder seines ausgefeilten Plots wegen so nachhaltig berührt; es ist vielmehr so, dass für mich ein Kapitel Geschichte lebendig wurde, von der ich bislang nichts wusste.

Unter welchen Benachteiligungen Koreaner, Ausländer im Allgemeinen, in Japan zu leiden hatten, wird hier auf sehr nüchterne Weise geschildert. In sehr einfachen Worten, immer im Präsenz, wird aus der Sicht erst des Mädchens, dann der alten Frau erzählt. Dabei wird kein Charakter tiefgründiger erforscht, wird nicht im Detail auf das unglaubliche Schicksal dieser Frau eingegangen; aber was trotzdem nachhaltig hängen bleibt ist das Gefühl, ein Leben lang in der Verleugnung gelebt zu haben.

Louis Begley hat ein ähnliches Thema aber auf literarisch völlig andere Weise in "Lügen in Zeiten des Krieges" verarbeitet - obwohl "Tsubaki" damit nicht mithalten kann, empfehle ich die Lektüre dieses Buches doch allen, die sich für das moderne Japan interessieren.

Aki Shimazaki

Aki Shimazaki wurde 1954 in Japan geboren und lebt seit über 20 Jahren in Kanada. Nach einigen in Japanisch geschriebenen Büchern veröffentlichte sie 1999 "Tsubaki" (dt: Die Kamelie), ihren ersten in Französisch geschriebenen Roman, der auch von der deutchen Kritik begeistert aufgenommen wurde.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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