Carol Shields - Die Geschichte der Rita Winters

Originaltitel: Unless
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2003
320 Seiten, ISBN: 0007137699

Vor wenigen Monaten noch hätte Reta Winters auf die Frage nach der größten Krise ihres Lebens keine Antwort gewusst - das war, bevor ihre älteste Tochter Norah das College verlassen und sich stattdessen tagtäglich auf einer zugigen Straßenecke in Toronto eingefunden hatte, um dort, nur versehen mit einem Schild, das um "Goodness", um Güte bittet, nun ihren Lebensunterhalt erbettelt.

Neben der Sorgen, die sie sich als Mutter um ihr Kind macht, beschäftigt sie vor allem die Frage nach dem Warum - litt Norah an einer schweren Depression? Hatte sie Probleme mit ihrem Freund? Wie konnte man ihr helfen?

"Schreiben Sie ein heiteres Buch, eine Fortsetzung zu ihrem erfolgreichen Erstling" wird Reta dann von ihrem Verleger geraten; die Konzentration auf eine neue Geschichte, auf eine fröhliche Geschichte solle sie ablenken von ihrem Kummer.

Ein Rat, dem sie Folge leistet; als Leser darf man der Autorin beim Entstehungsprozess über die Schulter gucken, erlebt mit, wie aus der geplanten heiteren Geschichte dann doch etwas ernsthafteres wird, merkt, wie die geschilderten Charaktere sich verselbständigen; die Zweifel der Autorin werden ebenso geschildert wie die tiefe Freude, die sie empfindet, wenn sie in ihre Geschichte eintauchen und sie weiterspinnen kann.

In Gesprächen mit einer frankokanadischen Autorin, Danielle, deren Bücher Reta bislang ins Englische übersetzt hatte, wie auch mit ihren Freundinnen kommt aber auch immer wieder ein Thema zur Sprache: die Benachteiligung, der sich Frauen immer noch in so vielen Belangen ausgesetzt sehen, der Einfluss, den das eventuell auf Norahs Entschluss auf der Straße zu leben genommen hatte.

Kurz nach dem Tod von Retas Verleger meldet sich ihr neuer Lektor; nach der Lektüre der ersten Romanfragmente versucht er, seinen Einfluss geltend zu machen, seine Vorstellungen von einem guten Buch zu verwirklichen - und als er kommt, um all das mit Reta zu besprechen, trifft er auf einen in Auflösung begriffenen Haushalt...

Da "Unless" derzeit ohnehin noch nicht auf Deutsch erhältlich ist, erübrigt sich der Ratschlag zwar eigentlich; dennoch möchte ich empfehlen, die wunderbare Prosa dieser Autorin im Original zu genießen. Carol Shields schrieb wirklich eine außergewöhnlich schöne Prosa, ein Grund, der beinahe für sich schon ausreicht, dieses Buch zu lesen.

Mit dem Inhalt hatte ich teilweise meine Schwierigkeiten. Die Rahmenhandlung bildet das Verschwinden der Tochter und Retas Reaktion darauf; an sich ein interessantes Thema, war für mich dieses Aussteigen, vor allem die zum Schluss gelieferte Begründung dafür, nicht ausreichend schlüssig.

Auch die immer wieder stark herausgestrichenen feministischen Anklänge haben mich persönlich weder wirklich interessiert noch hatten sie sich für mich aus dem Kontext heraus als Notwendigkeit ergeben - ich hatte vielmehr den Eindruck, die Autorin suchte die Gelegenheit, noch ein wenig predigen zu können.

Aufgewogen wurden diese Mankos für mich dann aber durch die Schilderungen von Retas Alltag, ihrem Schreiberleben, dem Gespräch mit den Freundinnen, ihre Gedanken über das Haus ... hier ist die Autorin in ihrem Element, sie beobachtet genau, lässt ihre Protagonisten auch sehr selbstkritisch und reflektiert auftreten.

Es wirkt weniger wie ein Roman denn als zeitweise auch essayistische Sammlung von Prosatexten; kein Roman, der den Leser von der ersten bis zu letzten Seite in atemloser Spannung hält, aber eine schön geschriebene Entwicklungsgeschichte.

Carol Shields

Carol Shields, geboren 1945 in den USA; lebte seit 1967 in Canada. Für ihr Buch "The Stone Diaries" erhielt sie den Pulitzer Prize und war für den Booker Prize auf der Shortlist, wie auch für Unless. Sie starb im Juli 2003 an den Folgen ihrer Krebserkrankung.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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