Zeruya Shalev - Mann und Frau

Originaltitel: Ba´al we-ischa
Roman. Berlin Verlag 2001
399 Seiten, ISBN: 3833302690

Eines Morgens wacht Udi auf und kann seine Beine nicht mehr bewegen. Sein Zustand verschlimmert sich rasant, bald kann er nur noch seine Finger bewegen. Im Krankenhaus stellt man jedoch fest, dass er physisch unter keinen Beeinträchtigungen leidet - die Ursache muss psychosomatisch sein.

Er fährt mit seiner Frau für ein paar Tage weg, um sich zu erholen, und um die Probleme in ihrer Beziehung aus dem Weg zu räumen. Doch hier kann er plötzlich nichts mehr sehen, er kränkt seine Frau mit wüsten Beschuldigungen.

In ihrer Vergangenheit gibt es einige dunkle Punkte; sie sind schon seit ewigen Zeiten ein Paar, schon seit sie 12 Jahre alt waren. Und einmal, ein einziges Mal, hatte Na´ama sich verliebt. Die Tochter war gerade zwei Jahre alt, und als Udi durch Zufall von den Sehnsüchten seiner Frau erfahren hatte, war das Schreckliche geschehen - er hatte die kleine Noga vom Balkon fallen lassen, ein Unfall, den sie nur durch ein Wunder überlebt hatte.

Und heute noch wirft er ihr diese Abwege vor, fesselt sie mit seinen Vorwürfen und dem schlechten Gewissen, das er ihr verursacht, an sich. Seine Krankheit scheint ein neuer Weg zu sein, seine Aggressionen ausleben zu können.

Als sie keinen anderen Ausweg mehr sieht, konsultiert Na´ama eine Frau, die sich auf tibetanische Heilung spezialisiert hat. Diese stellt jedoch nicht nur Udis Leben in Frage, sie bricht auch in Na´ama einiges auf, indem sie ihr klarmacht, dass sie lernen muss, loszulassen.

Es sind nur wenige Besuche, die diese Frau bei ihnen macht. Na´ama spürt eine unglaubliche Faszination von ihr ausgehen, sieht in ihr und den von ihr gepredigten Lebensweisheiten den rettenden Ausweg. Bis Udi ihr eines Abends eröffnet, dass er sie verlassen würde. Und Na´ama bemerken muss, dass er zur Ärztin zieht....

Ein unglaublich dichter Roman. Die Abhängigkeiten und Schuldgefühle innerhalb der kleinen Familie werden so vielschichtig und intensiv dargestellt, wie ich es selten zuvor gelesen habe.

Dabei verzichtet sie darauf, einen Schuldigen zu benennen - was passiert, ist die Summe all dessen, was die Beteiligten gelebt haben.

Inwieweit der Glaube an alternative Heilmethoden, an andere Lebensphilosophien wirklich helfen kann, zeigt die Autorin auf eine Art und Weise, die mich schwer beeindruckt hat; sie zeigt nicht, dass nach Verinnerlichung einiger Praktiken das Leben automatisch besser wird; was sie zeigt, ist vielmehr, was passieren kann, wenn man anfängt, eigene Entscheidungen und Beweggründe zu hinterfragen und auch zu akzeptieren.

Während in "Liebesleben" noch die sexuelle Obsession im Vordergrund stand, ist es hier die erstickend enge Verklammerung zweier Menschen, die ihr Leben bislang völlig voneinander abhängig gemacht hatten.

Grandios geschrieben, feinfühlig, wuchtig - einfach nur großartig!

Zeruya Shalev

Zeruya Shalev wurde 1959 in Kibbutz Kinneret geboren. Sie studierte Bibelwissenschaften und arbeitet heute als Schriftstellerin und Verlagslektorin in Jerusalem. Liebesleben ist ihr zweiter Roman. Er wurde mit dem Golden-Book-Preis des israelischen Verlegerverbands ausgezeichnet. Davor erhielt Zeruya Shalev bereits den Preis des israelischen Ministerpräsidenten.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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