Vikram Seth - Verwandte Stimmen

Originaltitel: An Equal Music
Roman. Rowohlt Verlag 2000
474 Seiten, ISBN: 3499229994

Eine Busfahrt lässt Michaels Vergangenheit ganz plötzlich wieder schmerzhaft auferstehen. Mitten in London, als sein Bus an einer Ampel hält, sieht er im Bus nebenan eine Frau sitzen, bei der es sich mit Sicherheit um Julia handelt. Doch als er es endlich geschafft hat, den Bus zu wechseln, ist sie schon nicht mehr da.

Julia. Das ist die große Liebe in Michaels Leben, die er damals in Wien nicht mehr ertragen hatte. Vor der er genauso geflohen war wie vor seinem Professor, der aus ihm unbedingt einen Sologeiger machen wollte, der seinen Wunsch, lieber die zweite Geige in einem Quartett zu spielen, nicht akzeptieren konnte. Danach hatte er jahrelang verzweifelt versucht, sie wiederzufinden, sie zu kontaktieren - vergeblich. Ihre Eltern hatten ihm nur immer wieder zu verstehen gegeben, er hätte ihre Tochter schon genug verletzt.

Vergessen hatte er sie trotzdem nie. Sein Leben verlief zwar seit einiger Zeit in ruhiger Selbstverständlichkeit; die Arbeit mit dem Quartett, diese enge Bindung an drei Menschen, die Liebe zur Musik - das alles hatte ihn ruhiger werden lassen.

Und nun war Julia plötzlich in London - und trotzdem unauffindbar. Alle Nachforschungen verlaufen ins Leere - aber dann steht sie plötzlich nach einem Auftritt hinter der Bühne. Mittlerweile ist sie verheiratet, hat ein Kind - und trotzdem: die alte Faszination, die Leidenschaft - alles ist wieder da. Lange zögert Julia, aber dann musiziert sie doch wieder mit Michael, spielt die alten Stücke, die sie einst in Wien gemeinsam gespielt hatten, bevor er Hals über Kopf floh.

Nicht nur ihre Ehe ist es, die sie von ihm fernhält, das spürt Michael. Ihr Sohn verrät ihm das erschütternde Geheimnis - sie, die hochbegabte Pianistin, verliert ihr Gehör, ist mittlerweile fast taub. Viele Möglichkeiten wird es für sie nicht mehr geben, gemeinsam mit anderen Musikern aufzutreten - aber mit Michaels Quartett will sie noch einmal nach Wien, noch einmal Schubert spielen.

Diese Reise wird nicht nur in persönlicher Beziehung anstrengend und aufwühlend - auch musikalisch holen Michael die Schatten der Vergangenheit ein. Wieder spürt er den alten Druck, die Angst, zu versagen - es fehlt nicht viel, beinahe lässt er das Konzert platzen. Alles scheint plötzlich über ihm zusammenzubrechen...

Das Schönste an diesem Buch sind die langen Passagen, die die Probenarbeit des Quartetts schildern. Die Freude an der Musik, das Gefühl, wenn die Melodie zu etwas Selbständigem wird, mehr als die Summe der vier Geigenstimmen, hat Vikram Seth auf Weise geschildert, die die Welt der Töne unmittelbar lebendig macht. Es ist auch dieses fragile Beziehungsgeflecht, dass das Quartett und die Machtverhältnisse aufrecht erhält, die auf unnachahmlich leichte Art dargestellt wird, das dem Leser alle Nuancen vermittelt, ohne es mit Melodramatik zu überfrachten.

Auch die Liebesbeziehung zu Julia, in all der Tragik und Wucht der großen Gefühle, die man beim Nacherzählen zwangsläufig schildern muss, wird im Buch selbst nicht glücklicherweise nur selten überfrachtet. Wie schrecklich es sein muss, gerade als Musiker nicht mehr hören zu können, das leidet man als Leser zwar mit, aber es wird dabei nicht auf die Tränendrüse gedrückt.

Leider gibt es aber auch ein paar Einschränkungen, die den Genuss dieses Romans etwas gestört haben. Die Ich-Erzählform, noch dazu in Präsenz, ist stark gewöhnungsbedürftig; zwar ist Seth meistens sprachlich so gewandt, dass man diesen Umstand vergisst, weil man viel zu sehr in der Geschichte gefangen ist. Aber an manchen Stellen ist der Roman so holprig geschrieben, so schwerfällig, dass es beinahe körperlich schmerzt. Ob das nun ein Übersetzungsproblem ist oder auch im Original so vorkommt, kann ich leider nicht beurteilen. Und ganz frei von Melodramatik ist die Schilderung der großen Liebe natürlich auch nicht, aber es hält sich in Grenzen.

Alles in allem ist es eines der besten Bücher über Musik, über Musiker, das ich seit langer Zeit gelesen habe.

Vikram Seth

Vikram Seth wurde 1952 in Kalkutta geboren. Er studierte in Oxford und promovierte in Stanford. Seth lebte eine Weile in China und übersetzte dort die großen Lyriker des Landes. Heute wohnt er abwechselnd in Neu-Delhi und London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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