Alice Sebold - In meinem Himmel

Originaltitel: The Lovely Bones
Roman. Manhattan 2003
381 Seiten, ISBN: 3442458366

Der Plot der Geschichte ist rasch erzählt - Susie wird als Vierzehnjährige von ihrem Nachbarn ermordet und vergewaltigt. Ihre Leiche wird nie gefunden, der Nachbar nicht überführt - und Susie beobachtet von ihrem Himmel aus die Suche nach ihrem Mörder, das Leid ihrer Familie und Freunde.

Soweit, arg verkürzt, der Plot. Hört sich ein bisschen nach "na wartet mal, wenn ich einmal tot bin, dann wird es euch allein leid tun" an? Ist es aber ganz und gar nicht.

Schon alleine die Schilderung dieses Himmels hat so gar nichts gemein mit unserer Vorstellung von Heiligenschein und Wölkchen und Flügeln; es ist eine ziemlich exakte Nachbildung der eigenen Erlebniswelt, bevölkert von Menschen, die zu ihren Lebzeiten ähnliche Vorstellungen und Träume hatten. Und der Himmel ist veränderbar, ist ein eigener, höchst komplexer Lebensraum.

Aus der Sicht des Opfers, das selbst erst noch gar nicht begreift, was mit ihr passiert ist, erlebt der Leser, wie die Eltern nach und nach begreifen müssen, dass ihre Tochter nicht wiederkommen wird, dass sie wahrscheinlich unvorstellbar gelitten haben muss vor ihrem Tod. Sie sind verloren in ihrem Kummer, können sich nicht gegenseitig trösten, eine Stütze sein. Jeder hat seine eigenen Erinnerungen an Susie, jeder versucht auf andere Weise, sich zu wappnen gegen weitere Verletzungen.

Susies Mutter kapselt sich von der Familie ab; sie flüchtet in die Träume, die sie hatte, bevor die Kinder kamen, sucht verzweifelt Halt bei einem anderen Mann - und verlässt die Familie.

LIndsey, Susies Schwester, will vor allem kein Mitleid, will nicht nur die Schwester eines Mordopfers sein; sie treibt Sport, bindet sich sehr früh an einen Jungen, der es als Einziger in dieser Zeit schafft, ihr wirklich zur Seite zu stehen. Und sie weiß früh um die Ängste, die ihren Vater jetzt umtreiben, wird zu einem ungemein verantwortungsbewussten Kind, das sich strikt an vorgegebene Zeitlimits hält.

Aber auch das Weiterleben von Susies besten Freunden wird geschildert - Ruth, die sie auf ihrem Weg in den Himmel noch gestreift hat, und Ray - Susies erste Liebe.

Gerade der erste Teil des Buches ist ungemein dicht und gefühlsintensiv; die Autorin schafft es, die vielfältige Trauer und Ohnmacht plastisch werden zu lassen, ohne dabei ins Kitschige abzugleiten. Ihre Trauer ist nicht wortlos, nicht eindimensional, Wut und Hass gehören ebenfalls mit dazu wie das Gefühl betrogen worden zu sein.

Im Laufe der Zeit lässt die Anspannung etwas nach, fangen sie an, mehr oder weniger einfach weiterzumachen, weiterzuleben. Entsprechend wird auch die Spannung im Buch gelockert. Es passt zum Buch, es passt zur Handlung, es ist eine logische Folge - und doch: es heißt auch irgendwie, dass erstmal die Luft ein wenig draußen ist. Und da das bereits in der Mitte des Buches passiert, habe ich es etwas bedauert - ansonsten wäre es für mich mit Sicherheit ein Fünfsterne-Buch geworden.

Andererseits lebt man noch etwa zehn Jahre mit der Familie mit, und lernt mit ihnen auch, allmählich mit dem Schmerz umzugehen. Aber nicht nur die Überlebenden lernen loszulassen - auch Susie in ihrem Himmel lernt es langsam, sich mit ihrem Status abzufinden.

Susie ist aber nicht nur stille Beobachterin - sie ist auch immer wieder *präsent*. In manchen Momenten wird sie wahrgenommen, von ihrem kleinen Bruder beispielsweise, oder aber auch von der sehr sensiblen Freundin Ruth, die nach der Begegnung mit ihrem Geist anfängt, den Momenten der Stille nachzuspüren, die an Orten verhaftet, an denen Menschen gewaltsam zu Tode kamen. Dieser Aspekt wurde in meinen Augen etwas überstrapaziert, für mich wären die Momente ausreichend gewesen, in denen Susie es schafft, durch die Intensität ihres Berührungswunsches ihren Familienmitgliedern ein Gefühl von *Anwesenheit* zu geben, wie man es vielleicht auch selbst schon verspürt hat, wenn man an geliebte Verstorbene denkt.

Mich hat das Buch unheimlich angesprochen, ich habe es mit sehr viel Empathie gelesen und werde viele Szenen sicher noch lange im Gedächtnis behalten. Eine wunderbare Geschichtenerzählerin, die vor großen Gefühlen nicht Halt macht - und sie vor allem meistert.

Alice Sebold

Alice Sebold hat an der Syracuse University studiert, in Manhattan und Kalifornien gelebt und für die New York Times sowie für die Chicago Tribune geschrieben. Nach dem Buch "Lucky" ist "In meinem Himmel" ihr zweites Werk und zugleich ihr international stürmisch gefeiertes Debüt als Romanautorin. Über Wochen stand der Roman auf Platz 1 sämtlicher amerikanischer Bestsellerlisten und wurde von Lesern wie Kritikern als Meisterwerk bejubelt. Die Erfolgsgeschichte von "In meinem Himmel" sorgte weltweit für Aufsehen und machte die Autorin über Nacht berühmt. Jeder, von Jonathan Franzen bis Anna Quindlen, hat sich dem Chor angeschlossen, der diesen Roman preist. Alice Sebold lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Glen David Gold, in Kalifornien. Sie schreibt derzeit an einem neuen Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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