W. G. Sebald - Austerlitz

Originaltitel: Austerlitz
Roman. S. Fischer Verlag 2003
421 Seiten, ISBN: 3596148642

Zweifach gebrochen wird das in diesem Buch dargebotene; der Erzähler reflektiert, was Austerlitz ihm berichtet hatte. Eine ungewöhnliche Erzählweise, die gerade bei den oft sehr langen Sätzen verwirrend wirken könnte, aber im Gegenteil einen ganz eigentümlichen Rhythmus in dieses Buch bringt.

Dieses Buch - was ist es überhaupt? Kein Roman, keine Erzählung, nicht Autobiographie oder Fiktion - der Autor hat großen Wert darauf gelegt, dass er in keine der gängigen Schubladen gepresst wurde. Dass die Taschenbuchausgabe dann groß mit "Roman" untertitelt wurde, kann ich mir auch nur mit einem Irrtum des Verlages erklären.

Aber worum geht es eigentlich in diesem Buch? Im Antwerpener Bahnhofsrestaurant trifft der Erzähler auf Jacques Austerlitz und fängt ein langes Gespräch mit ihm an, das er über einen Zeitraum von Jahrzehnten mit vielen langen Unterbrechungen weiterführt. Lange Ausführungen über die Architektur von Bahnhöfen und Verteidigungsanlagen sind ebenso Gesprächsthema wie die Frage, ob in einem Nocturama nachts das Licht angemacht wird, um den Tieren einen normalen Rhythmus zu verschaffen, oder Ausführungen über das Wesen der Motten.

Vor allem aber erzählt Austerlitz sein Leben; er war als Fünfjähriger mit einem Kindertransport von Prag nach England gekommen, von einem Priesterehepaar an Kindes Statt genommen worden und in Auslöschung seiner bisherigen Existenz erzogen worden. Er vergisst seine Sprache, seine Vergangenheit.

Erst nach dem Tod der Pflegemutter, kurz vor seinem Schulabschluss, erfährt er seinen echten Namen und beginnt, seiner Herkunft nachzuspüren. Doch außer seinem Namen hat er lange keinen Anhaltspunkt; seine Pflegeeltern hatten keine Hinweise hinterlassen.

Es sind Alltäglichkeiten, durch die Austerlitz seinen Weg zurück findet; eine Radiosendung, die ihm das Erlebnis der Zugreise wieder in Erinnerung ruft, ein kurzer Moment am Bahnhof, der in 50 Jahre zurückversetzt an den Zeitpunkt, wo e er mit weißem Mäntelchen und Rucksack abgeholt wurde.

Es dauert noch eine ganze Weile, bis er dann in Prag wandert und mit seinem alten Kindermädchen auch die Muttersprache wieder findet; als Leser folgt man den mäandernden Erzählungen mit stetig wachsendem Interesse.

Dabei ist nicht unbedingt die vorhin grob zusammengefasste Geschichte der stärkste Grund für diese Nachfrage. Sebald hat es meisterhaft verstanden, das Gefühl der völligen Entwurzelung, der Sprachlosigkeit einzufangen.

Anfangs war ich von den langen Ausführungen zum Antwerpener Bahnhof auch sehr irritiert; ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Buch mich noch so in den Bann ziehen könnte.

Es ist ein Buch, auf das man sich einlassen können muss - ein großartiger Erzähler, und dann doch wieder kein "Erzähler" im klassischen Sinn. Dazu sind die Seiten nicht durch Absätze gegliedert; das Lesen wird dafür aber durch immer wieder eingestreute Fotografien strukturiert. Was war vorher da, die Fotografie oder das Buch? Diese Frage drängt sich beim Lesen geradezu auf, auch wenn die Beantwortung nicht wesentlich ist; in jedem Fall bringen die Bilder eine weitere, sehr greifbare Realität in den geschilderten Text ein.

Ein deutschsprachiger Autor, der in Großbritannien populärer ist als hier - das ist eine Seltenheit. Spätestens mit diesem Buch sollte er auch hier in Deutschland wieder mehr Leser finden!

W. G. Sebald

W.G. Sebald, geboren 1944 in Wertach, lebte seit 1970 als Dozent in Norwich. Er starb am 14. Dezember 2001 bei einem Autounfall.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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