Dietrich Schwanitz - Die Bildung

Originaltitel: Die Bildung
Roman. Eichborn Verlag 2001
697 Seiten, ISBN: 3442151473

Der Titel erscheint ziemlich anmaßend "Alles was man wissen muss". Wenn man sich den Inhalt dieses Buches gemerkt hat, so sein Credo, dann kann man sich überall als gebildeter Mensch durchmogeln, versteht den Code, den die Gebildeten benutzen, und falls er etwas nicht versteht, dann bekommt er in diesem Buch zumindest die Regieanweisungen, wie man mit Nicht-Verstehen so umgehen kann, dass keiner etwas merkt, ja, man sich dabei noch gut verkauft.

Großzügig wird dem Leser zugestanden, nicht alles lesen zu müssen, und das Buch zudem nicht Kapitel für Kapitel lesen zu müssen; es ist so aufgebaut, dass man jederzeit den Bereich, der einen gerade interessiert, rauspicken kann.

Schwanitz´ Bildungsanspruch fängt dabei mit der Geschichte Europas an, stellt dann Hauptwerke der europäischen Literatur vor, die in Redewendungen, Anspielungen einfach präsent sind, geht dann weiter zu Musik, Philosophie, zur Geschlechterdebatte - und lässt gerade den Bereich aus, auf dem ich die größten Lücken habe: die Naturwissenschaften.

Nach der knapp und flapsig erzählten Zusammenfassung all dessen, was man heutzutage wissen sollte, widmet der Autor sich im fast ebenso ausführlichen Teil 2 der Umsetzung dieses Wissens, erklärt, wie man sein neuerworbenes Wissen so einsetzt, dass man weder damit protzt noch sein Licht unter den Scheffel stellt. Dazu wählt er sehr handfeste Beispiele, präsentiert die passenden Antworten gleich auf dem Tablett, so dass man zukünftig, wann immer jemand als sein beeindruckendstes Lektüreerlebnis den Mann ohne Eigenschaften von Musil angibt, ihn als Leser der "Bildung" identifizieren kann.

"Alles, was man wissen muss" steht sicher nicht in diesem Buch, aber es bietet einen ganz guten Abriss über einen großen Bereich, es ist so locker und flapsig geschrieben, dass man sich beim Lesen selten langweilt (aber vielleicht, wie in meinem Fall, über manche Schnoddrigkeit ein wenig ärgert); es ist viel Wert darauf gelegt worden, den Text leicht verständlich zu halten, sämtliche Fremdwörter werden sofort nach Verwendung erklärt; generell setzt der Autor das Wissensniveau seiner Leser sehr weit unten an, was sich vor allem auch im Bereich "Können" nochmals massiv niederschlägt.

Trotzdem: auch wenn ich die Meinung des Autors manchmal so gar nicht teile und auch seine Vermittlungsweise in einzelnen Fällen als sehr fragwürdig empfinde - es bleibt ein Buch, mit dem man sich rasch einen Überblick verschaffen kann, und es unterhält.

Dietrich Schwanitz

Dietrich Schwanitz, geboren 1940, stammt aus dem Ruhrgebiet und wuchs bei mennonitischen Bergbauern in der Schweiz auf. Er studierte Anglistik, Geschichte und Philosophie in Münster, London, Philadelphia und Freiburg. Von 1978 bis 1997 lehrte er als Professor für englische Literatur an der Universität Hamburg. Mit seinen Universitätsromanen "Der Campus" und "Der Zirkel" erreichte der Chefkritiker der deutschen Hochschulpolitik ein Millionenpublikum.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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