Ingo Schulze - Simple Storys

Originaltitel: Simple Storys
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1998
314 Seiten, ISBN: 3423127023

Was geschah eigentlich nach der Wende mit den Menschen, die sich im System mehr oder weniger behaglich eingerichtet hatten? Die sich arrangiert hatten, die zurechtkamen, wussten, was sie zu erwarten hatten?

In 29 kurzen Geschichten erzählt Ingo Schulze von einigen davon; und weil er seine Handlung in einer kleineren Stadt angesiedelt hat, hängen die Personen darin alle auf irgendeine Weise zusammen.

Martin Meurer zum Beispiel wollte Kunsthistoriker werden. Doch zu der Zeit, da er eigentlich seine Dissertation hätte schreiben sollen waren alle Studenten auf der Straße, so wie auch er - und als endlich wieder Ruhe eingekehrt war, waren die Professoren und Assistenten ausgewechselt, und er hätte nochmals neu anfangen müssen. Aber von irgend etwas muss man auch leben; Arbeit als Kunsthistoriker war ohnehin illusorisch, aber als er seinen Führerschein abgeben muss, war auch noch der Vertreterjob in Gefahr.

Danny arbeitet als Journalistin bei einer kleinen Zeitung. Doch ihre Artikel über Ausländerfeindlichkeit und Skinheads vertragen sich nicht gut mit Anzeigenkunden; dass sie außerdem den Herausgeber der Zeitung abblitzen lässt, kostet sie den Job.

Ernst Meurer, Martins Stiefvater, war gewiss ein guter Lehrer. Danach war auch nach der Wende kein Zweifel. Aber seine Gesinnung, seine Parteitreue - das war plötzlich unhaltbar geworden. Der Vorgesetzte seiner Frau hatte es da schlauer angefangen, der war nach der Wende gleich wieder erfolgreich. Aber etwas Dreck am Stecken hat doch jeder.

Dann wird Martins Frau überfahren, Fahrerflucht. Mit Tino, dem Sohn kommt nur Danny zurecht. Ihr Freund kommt dafür mit Tino nicht zurecht. Die Frau, die Andrea überfahren hat, hatte erst an einen Dachs gedacht. Und dann gibt es noch die Geschichten von Hanni, Pit, Patrick, Lydia, Marianne, Christian, und und und... Kurz: zu viele Geschichten.

Ingo Schulze hat den Roman an sich wunderbar komponiert; die eigentlich voneinander unabhängigen Geschichten, die dann eigentlich überraschend doch zusammenhängen, in denen immer mal wieder ein Stück aus einer anderen Perspektive erzählt wird, ohne Erklärungen, ohne Einführung der Personen - das macht gerade zu Beginn wirklich Spaß, man blättert gerne zurück, um verschiedene Versionen gegeneinander zu halten und die eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Dass die einzelnen Geschichten wie willkürlich angeordnet erscheinen, sich nicht chronologisch aneinander fügen, empfand ich als geschickt gemacht.

Aber irgendwann werden es einfach zu viele verschiedene Geschichten, wiederholt sich das Schema - und ich habe angefangen, mich zu langweilen. Wer jetzt mit wem, wer wen wann warum verlassen hat, wer mit wem noch welche Rechnung offen hatte - das wurde mir im Laufe der Zeit immer gleichgültiger. Gegen Ende hin wurde es dann wieder etwas besser; aber da man zwischendrin auch an der Sprache keine rechte Freude hat, wurden mir die 300 Seiten sehr lang.

Schulze erklärt nichts oder wenig; seine Geschichten leben vom Dialog. Und egal, welchen Bildungsstand, welches Geschlecht und welches Alter seine Protagonisten haben - irgendwie sprechen sie alle gleich, haben dasselbe Temperament, ähnlichen Wortschatz, kurz, man merkt: es spricht immer nur der Autor. Das ist auch der für mich größte Kritikpunkt an diesem Buch: keine einzige Figur entwickelt ein Eigenleben, wird zur Person.

Die große Begeisterung, die das Buch nach Erscheinen in Deutschland ausgelöst hatte, kann ich nicht teilen, obwohl auch ich mich teilweise gut unterhalten gefühlt habe und manchmal den Eindruck hatte, ein Stück Zeitgeschichte gut präsentiert zu bekommen.

Ingo Schulze

Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, studierte von 1983 bis 1988 klassische Philologie in Jena. Bis 1990 war er als Dramaturg am Landestheater Altenburg, dann in einer Zeitungsredaktion tätig. Längerer Aufenthalt in Sankt Petersburg. Seit 1993 lebt er als freier Autor in Berlin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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