Angelika Schrobsdorff - Du bist nicht so wie andere Mütter

Originaltitel: Du bist nicht so wie andere Mütter
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1996
556 Seiten, ISBN: 3423119160

Als Angelika Schrobsdorff am Weihnachtstag 1927 in Freiburg geboren wird, ist sie das dritte Kind vom dritten Mann ihrer Mutter, die aus einer kleinbürgerlichen, konservativen jüdischen Berliner Familie stammt.

Else Kirschner wächst als behütetes, geliebtes Kind heran; ihre Eltern sind zwar jüdisch, aber voll assimiliert. Erst als Else sich in den nicht-jüdischen Fritz verliebt spielt die Religion wieder eine wichtige Rolle; eine Ehe mit ihm ist ausgeschlossen, noch nicht einmal daran gedacht werden darf. Aber Else liebt ihren Fritz; und weil sie die Zustimmung ihrer Eltern nicht erhält, heiratet sie ihn eben ohne deren Genehmigung. Spätestens als dann ihr Sohn Peter geboren wird rechnet sie mit einer Versöhnung; diese findet allerdings erst auf dem Sterbebett ihres Bruders statt.

Alles Glück dieser Erde könnte sie nun haben; der Krieg ist vorbei, sie ist bei dem Mann, den sie liebt, hat ein Kind - doch Fritz reicht diese eine Liebe nicht, er hat nebenbei noch andere Frauen. Wie ein Blitz trifft Else diese Erkenntnis, erschüttert ihr Grundvertrauen total und verändert ihr Leben nachhaltig. Sie, die sich bisher nur einen einzigen Mann an ihrer Seite vorstellen konnte, genießt nun die Stimmung Berlins in den goldenen zwanziger Jahren, flirtet, stürzt sich in die intellektuell-künstlerische Szene, die auf sie geradezu gewartet zu haben scheint.

Und sie verliebt sich - in Hans, einen blonden Bayer, der dann ebenso mit in die Villa im Grunewald zieht, wie auch Fritz´ Freundin hier dauerhaft ihr Quartier aufschlägt. Und wieder ist Else schwanger, ein Mädchen diesmal, Bettina. Hans drängt darauf, Ordnung zu schaffen, eine Scheidung zu bewirken, zu heiraten - doch für Else ist kein Grund gegeben. Erst recht nicht, als sie sich einige Jahre später in Erich Schrobsdorff verliebt und prompt wieder schwanger wird.

Von jedem Mann, den sie geliebt hat, ein Kind zu haben - das hatte Else einmal ausgesprochen und auch eingehalten. Erich bedeutet einen Wendepunkt in ihrem Leben; Hans verlässt sie, weil er die Situation nicht länger erträgt, Fritz lässt sich scheiden, weil er seine neue Freundin heiraten will. Und Erich? Erich steht nach wie vor stark unter dem Einfluss seiner Familie, für die eine geschiedene jüdische Frau mit drei Kindern nicht statthaft erscheint. Sein Pflichtbewusstsein bewegt ihn schließlich dazu, Else zu heiraten; echtes Glück erfahren sie beide aber nicht mehr.

Der immer stärker werdende Antisemitismus beeinträchtigt das Leben der Familie vorerst nicht; einige wenige Freunde verlassen das Land, doch allgemein herrscht die Gewissheit vor, dass es schon nicht so schlimm werden würde. Man lebte schließlich in Deutschland, einem Rechtsstaat! Und außerdem war Else durch die Ehe mit Schrobsdorff doch geschützt. Aber wie lange würde dieser Schutz ausreichen? Erich ist kein Held, das ist auch Else klar - und nach langer Überlegung beschließen sie, dass sie mit den beiden Töchtern das Land verlassen soll, was mittlerweile nur noch sehr eingeschränkt möglich ist. So fällt die Wahl auf Bulgarien; dazu muss sie erneut heiraten, um überhaupt noch aus Deutschland rausgelassen zu werden.

Bulgarien ist eine völlig neue Welt für die verwöhnte Else. Sie, die bislang nie einen Finger rühren musste, kann sich nun nur noch eine Hilfe leisten; außerdem sind die Lebensbedingungen in Sofia weit unter dem Standard, den sie aus Berlin gewohnt ist. Frei bewegen kann sie sich hier auch nicht lange, denn bald darauf befindet sich auch Bulgarien im Krieg mit Deutschland, wimmelt es auch in Sofia von Nazis...

Den Nobelpreis für Literatur wird Angelika Schrobsdorff für ihre stilistischen Leistungen in diesem Buch zwar mit Sicherheit nicht bekommen; aber ich konnte das Buch, nachdem ich einmal damit begonnen hatte, nicht mehr aus der Hand legen, ich war mittendrin im Geschehen, habe Else, Angelika und Bettina ebenso kennen gelernt wie die Männer in ihrem Leben, habe das überreizte Fieber der zwanziger Jahre in Berlin miterlebt und das sehr langsame Erwachen in der Realität der Dreißiger; kurzum: dieses Buch hat mich menschlich so angerührt, dass ich es aus ganzem Herzen weiterempfehlen möchte.

Es ist Angelika Schrobsdorff hier gelungen, ihre Mutter wieder lebendig werden zu lassen; auch die Szenen, die sie selbst noch nicht miterlebt haben kann, da sie lange vor ihrer Geburt stattfanden, wirken absolut glaubhaft und überzeugend. Die Details dazu hat sie aus vielen langen Gesprächen mit den früheren Freunden ihrer Mutter gewonnen; die Darstellung der Gedankenwelt kann zwar dennoch nur fiktiv sein, ist aber so kraftvoll erzählt, dass man an der Authentizität dennoch wenig Zweifel hegt.

Je älter die Erzählerin wird, umso stärker ändert sich auch ihr Blick; immer öfter wechselt sie von der Ich-Perspektive in die objektive Erzählhaltung, erspart sich und uns vor allem auch nicht ihre eigene Entwicklung, die sie nicht immer in besonders günstigem Licht zeigt.

Ich hatte das Gefühl, ein ungemein ehrliches Buch zu lesen - eine Geschichte, die einen großen Sog auf mich ausgeübt hat, die mir nach wie vor im Kopf herumgeistert, als wäre es kein Roman, den ich gelesen habe, sondern Bekannte von mir - und das ist in meinen Augen mit das Beste, was man über ein Buch sagen kann.

Angelika Schrobsdorff

Angelika Schrobsdorff wurde am 24. Dezember 1927 in Freiburg im Breisgau geboren, musste 1939 mit ihrer jüdischen Mutter aus Berlin nach Sofia emigrieren und kehrte 1947 nach Deutschland zurück. 1971 heiratete sie in Jerusalem Claude Lanzmann, wohnte danach in Paris und München und beschloss 1983, nach Israel zu gehen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

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