Elke Schmitter - Leichte Verfehlungen

Originaltitel: Leichte Verfehlungen
Roman. Berlin Verlag 2002
310 Seiten, ISBN: 3827004551

Berlin in den 90er Jahren. Man wohnt in großen hellen Altbauwohnungen, trifft sich bei Vernissagen, Lesungen, im Theater und auf Empfängen. So leben auch die Protagonistinnen dieses modernen Gesellschaftsromans, allen voran Selma Craig.

Für eine Weile lebt sie alleine, ihr Lebensgefährte unterrichtet für ein Semester an einer Hochschule in den Staaten - eine Fernbeziehung, die von Telefonanrufen lebt, bei denen meist einer beiden schon oder noch sehr müde ist. Aber was gilt es denn auch groß Neues zu berichten? Von Begegnungen erzählen sie, von alten Bekannten, Freunden; und natürlich auch von Selmas Freundinnen.

Da ist Angelika, eigentlich lesbisch, die sich nach einer Party nach mehr als 20 Jahren doch wieder mit einem Mann einlässt, prompt schwanger wird und zum Entsetzen ihrer Freunde umgehend sämtliche Mütterchen-Klischees erfüllen muss und ihre berufliche Zukunft ohne zu zögern sausen lässt für diesen neuen Mann; Bettina ist eine weitere Freundin, seit einigen Jahren verheiratet, Mutter einer kleinen Tochter und unglaublich frustriert, weil sie sich mit dem Kind alleingelassen fühlt und dann beschließt, ihr Leben wieder aufzunehmen.

Von all den dazugehörigen Entwicklungen, Anekdoten und Katastrophen erzählt Selma, nur eines erwähnt sie nicht: dass sie sich über Nacht verliebt hat. Und zwar nicht in ihren langjährigen Lebensgefährten. Ein Zustand in der Schwebe, auf den ersten Blick passiert nichts, sie hat sich nichts vorzuwerfen, und doch: es wirft sie aus der Bahn, dieses neue Gefühl. Und dann ist doch eigentlich alles wie gehabt, als wäre nichts geschehen - aber was denn auch? Es waren doch alles nur leichte Verfehlungen.

Dass eigentlich nichts passiert in diesem Roman, das Ende und Anfang austauschbar sind, und doch auch wieder nicht - diese Komposition ist der Autorin wirklich meisterhaft gelungen. Wie im wirklichen Leben erscheint auch hier aus der Distanz so vieles unverändert, und nur mit dem scharfen Blick des Beobachters erkennt man die feinen Risse und Linien, die im Laufe des Lebens gezeichnet werden.

Aber trotzdem bin ich nicht völlig überzeugt von diesem Roman. Nur die Vorstellung, dass die Autorin diesen Roman als böse Satire, als bis zum Lächerlichen übertriebenen Zerrspiegel gemeint hatte, konnte mich über die meisten Dialoge hinwegretten. Aber irgendwie werde ich die Befürchtung nicht los, dass es doch genauso gemeint war, wie es da geschrieben steht.

Wenn die Protagonistinnen anfangen, sich zu unterhalten, stöhnt man als Leser bald schon auf und guckt, sofern man das Buch in einem Cafe liest, zum Nachbartisch, ob die beiden Damen "in den besten Jahren" am Nebentisch, die so elegant und selbstsicher wirken, wohl auch gerade ähnlich geschwollen daherreden?

Gepflegt und etwas vürnehm ist auch die Sprache, derer sich die Autorin hier befleißigt; so ist zum Beispiel mehrmals die Rede von "eklem" Geruch, um nur auf eine der gerne verwendeten Phrasen einzugehen.

Nein, vergeudete Lesezeit ist es nicht, sich mit den "Leichten Verfehlungen" der Elke Schmitter zu beschäftigen. Aber wirklich weiterempfehlen kann ich es auch nicht. Ob die beiden Bücher dieser Autorin auch für so viel Aufsehen gesorgt hätten, wenn die Autorin nicht von ihren guten Kontakten zur Presse hätte profitieren können?

Elke Schmitter

Elke Schmitter wurde 1961 in Krefeld geboren. Sie studierte in München Philosophie und war von 1992 bis 1994 Chefredakteurin der taz. Seitdem schrieb sie als freie Autorin vor allem für Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung; seit 2000 ist sie Mitglied der Spiegel-Redaktion. Ihr 2000 erschienener Roman "Frau Sartoris", von der Presse begeistert aufgenommen, wird derzeit in 12 Sprachen übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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