Eric-Emmanuel Schmitt - Enigma. Hörspiel

Originaltitel: --
Hörbuch - Roman. DerAudioVerlag 2001
1 CDs, ISBN: 3898131513

Eine kleine Insel nahe am Pol, die er ganz alleine bewohnte; ein halbes Jahr Dunkelheit, ein halbes Jahr Licht, keine Störung durch Jahreszeiten; ein Boot bringt regelmäßig das Nötigste vorbei, neben Lebensmittel auch Frauen für eine Nacht - Abel Znorko hat seinen Ruf als exzentrischer Sonderling durchaus verdient.

Aber nicht sein Einsiedlerdasein hatte ihn so berühmt gemacht - er war Nobelpreisträger, Autor unzähliger Bücher, ausgezeichnet mit Ehrendoktorwürden von namhaften Universitäten; sein letztes Buch, ein fiktiver Briefwechsel mit einer Frau, wurde von Kritikern einhellig als sein bestes gefeiert.

Und aus ebendiesem Anlass hatte Erik Larsen um ein Interview mit Znorko gebeten und auch zugebilligt bekommen; schon die Begrüßung fällt allerdings rauer aus als erwartet, Schüsse pfeifen Larsen um die Ohren, und davon, immer wieder die selben Fragen nach dem autobiographischen Gehalt seiner Bücher gestellt zu bekommen, hält er offensichtlich auch nicht viel.

Doch Larsen lässt nicht locker. Immer wieder stellt er seine Fragen, bohrt, gibt nicht nach - bis Znorko ihm endlich erzählt, was es wirklich mit diesen Briefen auf sich hat, der nicht fiktiv, sondern sogar sehr real war. Vor fünfzehn Jahren hatte Znorko eine junge Frau kennen gelernt, fünf Monate in intensiver Nähe mit ihr verbracht - und sich dann von ihr getrennt, um die Liebe nicht sterben zu lassen. Nur noch brieflich sollten sie miteinander verkehren, ihrer Leidenschaft geistige Nahrung zufügen und sie nicht durch den Alltag abnutzen; doch nun hatten die Briefe aufgehört.

Dass es keine weiteren Briefe mehr gibt - das ist für Larsen nichts Neues. Denn was Helene, die von Znorko so sehr geliebte Frau, ihm in all ihren Briefen nie mitgeteilt hatte: dass sie Erik Larsen geheiratet hatte...

Wie gut kennt man einen Menschen, den man liebt? Was liebt man eigentlich? Was ist mehr wert, die Leidenschaft, die geistige Verbundenheit, oder der Alltag, den man teilt?

Das ist das Hauptthema dieses Hörspiels - aber was mir persönlich noch viel mehr zugesagt hatte, war der Beginn. Dieses Gespräch zwischen Schriftsteller und Journalist, die Anmaßung, sich nicht mit der Fiktion zufrieden zu geben, sondern immer die biographischen Quellen hinter den Texten wissen zu wollen - das wird in einem wunderbaren Streitgespräch wiedergegeben, das ich mir sicher noch mehrfach anhören werde.

Dramaturgisch geschickt gemacht - die Vorlage für diese CD ist ein Theaterstück - wird mit jeder neuen Information das Verhältnis zwischen Larsen und Znorko auf den Kopf gestellt. Dass es gegen Ende dann auch noch ziemlich melodramatisch wird, ist zwar zu erwarten, aber hätte für mich nicht unbedingt sein müssen.

Insgesamt aber definitiv ein Hörgenuss!

Eric-Emmanuel Schmitt

Eric-Emmanuel Schmitt, Jahrgang 1960, studierte Musik und Philosophie in Lyon und Paris ( ecole normale superieur 1980-85), schloss mit 26 eine Dissertation über "Diderot und die Metaphysik" ab. Er unterrichtete drei Jahre in Cherbourg und an der Universität Chambery. Seit 1991 wurden acht Theaterstücke von ihm aufgeführt. Der Autor bekennt sich nach Jahren des Agnostizismus inzwischen als Christ. Sein jüngstes Stück "Hotel des deux mondes" wurde 1999 am Theatre Marigny uraufgeführt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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