Bernhard Schlink - Selbs Mord

Originaltitel: Selbs Mord
Krimi. Diogenes 2001
264 Seiten, ISBN: 325706280X

Gerhard Selb ist alt geworden. Zwar hat er immer noch seine Detektei, aber die Aufträge waren in der letzten Zeit recht rar und auch sehr langweilig geworden. Nur deshalb willigt er auch ein, den Auftrag des Mannes anzunehmen, dem er bei einer Autopanne weitergeholfen hatte. Denn dieser Auftrag hat ganz den Anschein, nur aus Verlegenheit zustande gekommen zu sein - der Bankier Welker bittet ihn, nach dem Namen eines Mannes zu suchen, der vor über hundert Jahren stiller Teilhaber der Bank gewesen war, und dessen Namen in den Akten nicht aufscheint.

Selb wäre nicht Selb, wenn er sich nicht trotzdem voller Gewissenhaftigkeit an die Erledigung dieser Aufgabe machen würde. Und wenn er nicht auch ein paar Erkundigungen über seinen Auftraggeber einholen würde; denn ganz koscher ist die Situation nicht, das spürt er. Dass Welker permanent von seinem Chaffeur Samarin umgeben ist, dass dieser auch wesentlich mehr Einfluss auf ihn zu haben scheint, als offiziell zugestanden wird, macht Selb misstrauisch. Und war Welker wirklich unschuldig am Tod seiner Frau, der noch nicht lange zurück lag? Die Leiche war nie gefunden worden. Und was hatte es mit den Männern auf sich, die in schweren Autos auf den Hof der Bank fuhren? Als dann auch noch Schuler, der für Welker das Bankarchiv in Ordnung bringen sollte, überraschend vor Selbs Büro auftaucht, ihm einen Koffer voller Geld in die Hand drückt und mit seinem Auto gegen einen Baum fährt, kann auch ein Blinder nicht mehr leugnen, dass hier etwas faul ist.

Vor allem, weil plötzlich nicht nur Welker und sein Chaffeur, sondern auch noch andere Leute ganz offensichtlich hinter dem Koffer her sind.

Durch eine List verschafft Selb sich eine kurze Atempause - die er nutzt, um sich in Cottbus bei der Bank umzusehen, die vor kurzem von Welker übernommen worden war. Dass dort Geld gewaschen wird, dass die Russen ihre Finger im Spiel haben und auch Samarin, das hat Selb rasch herausgefunden. Und wenig später scheint auch alles überstanden - aber dass hinter jeder Geschichte noch eine zweite verborgen sein kann, das merkt Selb fast zu spät...

Aus den beiden vorherigen Selb-Krimis kennt man die Personen schon, die das Umfeld bilden; man kennt Selbs Freundin Brigitte und ihren Sohn, man weiß, mit welchen Problemen die beiden sich herumschlagen. Auch Kommissar Nägelsbach ist kein Fremder mehr. Der Leser weiß auch Besscheid über Selbs Vergangenheit als brauner Staatsanwalt und hat mit sich gehadert, ob man solche Verfehlungen in der Vergangenheit irgendwann vergeben kann oder nicht.

Wer einen spannenden Krimi erwartet, wird etwas enttäuscht sein; zwar beinhaltet "Selbs Mord" alle klassischen Krimielemente, aber der Roman lebt trotzdem hauptsächlich von dem, was am Rande erzählt wird. Wenn Selb zum Beispiel in Berlin von einer Gruppe Jugendlicher dazu gezwungen wird, den Hitlergruß zu wiederholen. Wenn er das Misstrauen erlebt, mit dem Ost und West in Deutschland sich immer noch begegnen. Und wenn man auch immer wieder damit in Berührung kommt, dass die alten Nazis es sich bis heute gut gerichtet haben. Dass Recht nicht immer etwas mit Gerechtigkeit zu tun hat.

Und das ist auch die Stärke Bernhard Schlinks - denn hier legt er seinen Finger auf Stellen, die nach wie vor schmerzen, die man besser verstecken möchte. Trotzdem zählt "Selbs Mord" nicht zu seinen besten Büchern, in seinen Erzählungen oder auch im Vorleser sind seine Geschichten ausgefeilter, wiegt das einzelne Wort schwerer. Aber dennoch: sehr lesenwert!

Bernhard Schlink

Bernhard Schlink - Student in Heidelberg und Berlin, wissenschaftlicher Assistent in Heidelberg, Darmstadt, Bielefeld und Freiburg. Promotion 1975 (Abwägung im Verfassungsrecht, 1976), Habilitation 1981 (Die Amtshilfe. Ein Beitrag zu einer Lehre der Gewaltenteilung in der Verwaltung, 1982). Professor in Bonn, Frankfurt und seit 1992 an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1993 Gastprofessor an der Yeshiva-University New York. Gemeinsam mit Bodo Pieroth Autor des Lehrbuchs "Grundrechte" (11. Auflage 1995). Von 1988 - 2005 Richter des Verfassungsgerichtshofs für das Land Nordrhein-Westfalen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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