Bernhard Schlink - Der Vorleser

Originaltitel: Der Vorleser
Roman. Diogenes 1995
207 Seiten, ISBN: 3257229534

Angefangen hat alles damit, dass der Ich-Erzähler Gelbsucht bekam, und am Nachhauseweg von der Schule in einen Hausdurchgang kotzte.

Als er wieder halbwegs am Damm ist, drängt seinen Mutter ihn, sich bei der Frau zu bedanken, die ihm damals geholfen hatte.

So trifft er wieder auf Hanna, eine Frau, die mit ihren über dreißig Jahren doppelt so alt ist wie er. Ihre Weiblichkeit ist wesentlich üppiger als es ihm an den Mädchen, denen er normalerweise nachsieht, gefällt - doch ihre Haltung, ihre Art, sich zu bewegen fesseln ihn; er kommt wieder, und wird von ihr mehr oder weniger verführt.

In der folgenden Zeit verfällt er ihr total. Am liebsten würde er die ganze Zeit die Schule schwänzen, um mit ihr zusammenzusein - doch sie wird daraufhin sehr zornig, verbietet ihm, zu ihr zu kommen, wenn er keine anständigen Noten in der Schule erreicht. Zu ihren Ritualen gehört auch, dass er ihr vorliest.

Doch eines Tages ist Hanna weg, spurlos verschwunden. Am Tag zuvor hatte er sie im Schwimmbad ignoriert, weil es ihm peinlich war, vor seinen Schulfreunden - seinetwegen, ist er lange überzeugt, ist sie gegangen.


Jahre später. Er studiert mittlerweile Recht und hat sich zu einer Gruppe gemeldet, die die Nürnberger Prozesse beobachten soll. Während er seinen Blick über die Menge schweifen lässt, trifft es ihn wie ein Schlag in die Magengrube: Dort, auf der Anklagebank - das ist Hanna.

Sie wird beschuldigt, gemeinsam mit anderen in den letzten Tagen des Krieges, bei der Verlagerung eines KZ´s, die Häftlinge in eine Kirche gesperrt zu haben, und bei der Bombardierung, der sie dann ausgesetzt waren, hilflos darin eingesperrt gelassen zu haben, ohne die Tür zu öffnen.

Hauptanklagepunkt ist ein Bericht, der kurz nach dem Geschehen verfasst worden war. Keine der Angeklagten will zugeben, ihn verfasst zu haben - doch Hanna behauptet, sie wäre es gewesen.

Je länger er diesem Prozess zuhört, umso mehr manifestiert sich in ihm das Gefühl, etwas zu ihrer Verteidigung unternehmen zu müssen. Kennt er doch das Geheimnis, weswegen sie auf keinen Fall die Verfasserin des Berichtes gewesen sein kann.

Doch er bringt es nicht über sich, dieses sorgsam gehütete Geheimnis gegen Hannas Willen zur Sprache zu bringen - so erhält sie von allen Angeklagten die höchste Strafe.

Er hat sie in all der Zeit nie im Gefängnis besucht. Doch Kassetten hat er ihr geschickt - Kassetten, auf denen er ihr wieder vorliest, wie vor Jahren schon...

Ich habe dieses Buch mit völliger Unvoreingenommenheit zur Hand genommen. Ich kannte weder Klappentext noch Inhalt, war also völlig unvorbereitet auf das, was auf mich zukam.

Fasziniert war ich von Beginn weg. Diese Liebesgeschichte zwischen der älteren Frau, dem pubertierenden Jüngling, die Abhängigkeit, in die er sich begibt, waren wunderbar zu lesen, und sehr erotisch geschildert. Vor allem waren auch die Veränderungen in seinem Verhalten gut spürbar - wie er plötzlich mit den Mädchen in seiner Klasse besser zurechtkommt, weil er ihnen gelassener gegenübertreten kann.

Deswegen hatte mich der Auftritt im Gerichtssaal genauso schockiert wie den Erzähler. Darauf war ich ganz einfach nicht gefasst.

Aber was dann passiert - plötzlich empfand ich die Täterin Hanna als das unschuldige Opfer. Gut, sie war Aufseherin im KZ, aber sie war doch immer nur eine Mitläuferin... hat doch vor allem immer nur darauf geachtet, ihr Geheimnis nicht zu verraten.

Ich fand es wirklich erschreckend festzustellen, dass ich sofort bereit gewesen wäre, zu verzeihen, zu entschuldigen, zu beschwichtigen, die Schwere der Schuld gering zu halten.

Mit ein Grund dafür war auch, dass Hanna dann im Gefängnis angefangen hat, sich mit der Thematik auseinander zu setzen, sich ihrer Schuld bewusst zu werden und damit fertig zu werden.

Der eigentliche Verlierer ist der Erzähler - der Zeit seines Lebens nicht von dieser Frau loskommt, dessen Ehe auch daran scheitert, und der es aber trotzdem auch nie schafft, wirklich zu ihr zu stehen. Bezeichnend dafür ist zB, dass er seinen ganzen Kassetten nie ein persönliches Wort hinzufügt.

Für mich war es eines der besten und wichtigsten Bücher, die in den letzten Jahren geschrieben wurden!

Bernhard Schlink

Bernhard Schlink - Student in Heidelberg und Berlin, wissenschaftlicher Assistent in Heidelberg, Darmstadt, Bielefeld und Freiburg. Promotion 1975 (Abwägung im Verfassungsrecht, 1976), Habilitation 1981 (Die Amtshilfe. Ein Beitrag zu einer Lehre der Gewaltenteilung in der Verwaltung, 1982). Professor in Bonn, Frankfurt und seit 1992 an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1993 Gastprofessor an der Yeshiva-University New York. Gemeinsam mit Bodo Pieroth Autor des Lehrbuchs "Grundrechte" (11. Auflage 1995). Von 1988 - 2005 Richter des Verfassungsgerichtshofs für das Land Nordrhein-Westfalen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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