Bernhard Schlink - Selbs Betrug

Originaltitel: Selbs Betrug
Krimi. Diogenes 1992
296 Seiten, ISBN: 325722706X

Gerhard Selb, 68, ist Privatdetektiv - und hat eine Vergangenheit als Nazistaatsanwalt.

Telefonisch erhält er den Auftrag, nach der Studentin Leonore Salger zu suchen. In der Psychiatrischen Anstalt wird er fündig -und erhält die Auskunft, Leo wäre vor ein paar Tagen aus dem Fenster gestürzt - tot. Ein Unfall, der allerdings nur dem behandelnden Arzt bekannt zu sein scheint. Außerdem stellt Selb fest, daß die Person, die ihn mit der Suche beauftragt hatte, nicht, wie angegeben, der Vater war. Und daß Leo polizeilich gesucht wird wegen eines Terroranschlags - das BKA steht plötzlich auch vor seiner Tür.

Das BKA stand auch vor der Tür Dr. Wendts, der Leo in der Klinik untergebracht hatte - und nun ist er tot, ermordet. Während das BKA Leo per Fernsehfahndung sucht, bringt Selb sie - entgegen aller Berufsehre - ins sichere Ausland.

Aufgestachelt durch einen Reporter, entdeckt Selb, daß der Anschlag, dessen Leo beschuldigt wird, an ganz anderer Stelle als angegeben stattgefunden hat - Vertuschung höchsten Grades, denn das Giftgaslager dürfte offiziell gar nicht existieren.

Selb gerät selbst ins Gefängnis, kann sich und Leo aber rausmogeln - und der Polizei zumindest dazu verhelfen, die Hauptschuldigen zu verurteilen. Das Buch hinterläßt sehr zwiespältige Gefühle.

Schon die Figur Selbs - er war Nazistaatsanwalt, und zu dieser Zeit überzeugt davon, das richtige zu tun. Und in diesem Fall biegt er auch das Gesetz, um selber freizukommen, um Leo vor der Anklage zu bewahren. Er weiß, daß er gegen das Gesetz verstößt, und ist trotzdem der Meinung, nicht falsch zu handeln.

Dieser Zwiespalt findet sich in all seinen Figuren, die gerade deshalb wohl so stark im Gedächtnis verankert bleiben.

Ein sehr eindrucksvolles Buch, das weit über einen Kriminalroman hinausgeht.

Bernhard Schlink

Bernhard Schlink - Student in Heidelberg und Berlin, wissenschaftlicher Assistent in Heidelberg, Darmstadt, Bielefeld und Freiburg. Promotion 1975 (Abwägung im Verfassungsrecht, 1976), Habilitation 1981 (Die Amtshilfe. Ein Beitrag zu einer Lehre der Gewaltenteilung in der Verwaltung, 1982). Professor in Bonn, Frankfurt und seit 1992 an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1993 Gastprofessor an der Yeshiva-University New York. Gemeinsam mit Bodo Pieroth Autor des Lehrbuchs "Grundrechte" (11. Auflage 1995). Von 1988 - 2005 Richter des Verfassungsgerichtshofs für das Land Nordrhein-Westfalen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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