Jose Saramago - Alle Namen

Originaltitel: Todos os nomes
Roman. Rowohlt Verlag 1997
314 Seiten, ISBN: 3499229218

Kennen Sie ein Personenstandsregister? Nein? Nun - man stelle sich ein Amt vor. Vorne, der Bereich, an dem Personenverkehr stattfindet, ist von acht Amtsschreibern besetzt. Dahinter achten vier Amtssekretäre darauf, dass die Amtsschreiber ihre Arbeit auch ordentlich erledigen, ihrerseits beaufsichtigt von zwei Stellvertretenden Amtsleitern, die vom Amtsleiter persönlich beauftragt werden.

Diese Hierarchie wird nicht nur in der Tischordnung dargestellt; sie durchzieht das ganze Wesen des Amtes. Sr. José ist einer dieser acht Amtsschreiber. Und er ist auch der einzige, der sogar im Amt wohnt, besser gesagt in der einzigen stehen gelassenen Behausung, die einst für alle Amtsschreiber direkt am Personenstandsregister angebracht waren. Jede dieser Behausungen hatte auch eine eigene Tür zum Amt, die allerdings nun nicht mehr benutzt wurde.

Zumindest nicht mehr offiziell. Denn voller Wagemut hatte Sr. José eines Abends angefangen, diese Tür zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen; er hatte schon vor Jahren eine Sammlung mit Informationen über berühmte Persönlichkeiten seines Landes begonnen. Und er, der doch an der Quelle saß, musste doch die Möglichkeit haben, diese Daten aus den Angaben des Amtes zu vervollständigen!

Und da, bei einer dieser geheimen Ausflüge, passiert etwas ungewöhnliches; irrtümlich hatte er eine Karteikarte mitgenommen, die er für seine Sammlung gebrauchen konnte. Es waren die Daten einer ganz normalen Frau, ein Geburtseintrag, eine Hochzeit, eine Scheidung, weiter nichts. Und doch: er kann diese Karteikarte nicht einfach wieder zurückstellen. Statt dessen fängt er nun an, diesem Namen nachzuspüren.

Die Suche wird rasch zur Obsession; erst versucht er nur, sich mittels einer gefälschten Amtsvollmacht von ihren früheren Nachbarn Auskünfte über ihren heutigen Verbleib zu machen, doch immer verwegener werden seine Mittel. Nachdem er weiß, welche Schule sie besucht hat, steigt er übers Wochenende dort ein - und findet auch tatsächlich ihre Schulakten, ihre Noten, ihre Klassenbilder.

Aber ungestraft unternimmt man solche Expeditionen nicht; nach dieser Aufregung erkrankt Sr. José. Und sieht sich plötzlich der ungewohnten Aufmerksamkeit des Amtsvorstehers höchstpersönlich ausgesetzt...

Es ist schwer zu beschreiben, was das Wesen dieses Buches ausmacht. Dem Klappentext, der "etwas von einem Kriminalroman" verspricht, sollte man jedoch auf keinen Fall trauen. Die erzählte Geschichte ist absurd, mit logischen Argumenten nicht nachvollziehbar; warum sollte jemand sich auf die Suche nach einer Frau begeben, deren Karteikarte er gefunden hat?

Doch diese Suche ist nichts weiter als ein Vorwand; für Sr. José ist es ein Ausbruch aus der Welt der engen Regeln, denen er sich bislang so freudig und willig gebeugt hatte. Einen tieferen Sinn, eine Absicht des Autors enttarnen zu wollen, kann man gewiss versuchen, der Text lässt genügend Interpretationsansätze zu.

Man kann aber auch einfach Freude haben an den absonderlichen Gedankengängen, die Sr. Josés schlichtes Gemüt quälen; die Sorgen, die er hat, entdeckt zu werden, die Überlegungen, warum er auf so einfache Methoden wie beispielsweise im Telefonbuch nachzusehen verzichtet.

Als wäre der Romanplot nur eine Konstruktion, um die herum Saramago das weben könnte, was das Vergnügen begründet, das man an diesem Roman haben kann: kleine philosophische Betrachtungen, Gedankenspiele, wie zum Beispiel das Vertauschen der Nummern an den Gräbern der Selbstmörder - für all das muss man allerdings auch etwas Geduld mitbringen.

Denn Saramagos Sprache kann man nicht unbedingt als flüssig und klar bezeichnen; verschroben und antiquiert trifft es schon eher, und kommt doch der Wahrheit nicht nahe. Denn es ist eine sehr moderne Sprache, modern in der Nutzung der Grammatik, des Verwebens von Gedankenstrom mit realer Handlung. Und weil wir schon bei Handlung sind: davon ist auch nicht allzuviel zu vermelden. Es passiert relativ wenig, und an manchen Stellen hätte ich mir eine Kürzung sehr gut vorstellen können.

Unbeschränkt weiterempfehlen würde ich dieses Buch nicht. Der interessierte Leser sollte zuvor mindestens eine Seite probelesen, sich auf den Stil einstellen, damit rechnen, dass nichts in der Realität verankert ist, und doch alles Realität beschreibt - aber wen all das nicht abschreckt, den erwartet ein Lesevergnügen der etwas anderen Art.

Jose Saramago

José Saramago wurde am 16. November 1922 in einem Dorf in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlages und Journalist bei verschiedenen Lissabonner Tageszeitungen. Ab 1966 widmete er sich verstärkt der schriftstellerischen Tätigkeit. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition. 1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Das Evangelium nach Jesus Christus
  • Das Memorial
  • Die Stadt der Blinden
  • Alle Namen
  • Handbuch der Malerei und Kalligraphie
  • Das Zentrum
  • Die portugiesische Reise
  • Der Doppelgänger
  • Die Stadt der Sehenden
  • Eine Zeit ohne Tod

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Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

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