Jose Saramago - Die Stadt der Blinden

Originaltitel: Ensaio sobre a Cegueira
Roman. Rowohlt Verlag 1995
399 Seiten, ISBN: 3499224674

Mitten auf der Straße erblindet plötzlich ein Mann an einer unerklärlichen weißen Blindheit, die sich schnell wie eine Epidemie ausbreitet. Die Betroffenen werden in einer ehemaligen Irrenanstalt kaserniert, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen, terrorisiert von Hunger und Gewalt, hausen müssen.

Unter ihnen ist auch die einzige Sehende: die Frau des Augenarztes hat die Krankheit nur vorgetäuscht, um bei ihrem Mann zu bleiben. Sie trifft das Elend doppelt, weil sie es auch noch mit ansehen muss und gleichzeitig die Verantwortung spürt, die auf ihr lastet.

Plötzlich ohne Augenlicht und damit auch ohne äußere Kontrolle und durch die unmenschlichen Bedingungen der Kasernierung wird (fast) jeder zum Egoisten und kämpft nur um das eigene Überleben. Kleine, im normalen Leben unbedeutende Gesten der Menschlichkeit und Solidarität, die es auch gibt, wirken wie wohltuende Inseln in diesem Meer aus Schmutz, Angst und Grausamkeit.

Die Situation eskaliert und in einem gewaltigen Feuer entfliehen die Gefangenen in eine Freiheit, in der wieder im Kampf ums Überleben jeder sich selbst der nächste ist.

Eine kleine Gruppe unter der Führung der Frau des Arztes schafft sich so etwas wie eine Insel der Zivilisation und die Realität der Blindheit wird immer unwirklicher.

"Die Stadt der Blinden" hat mich fasziniert, wie kaum ein anderes Buch. Es hat eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Von der ersten Zeile an entwickeln sich die Ereignisse in einem rasanten Tempo, vergleichbar mit einer rasch fortschreitenden Krankheit: Kaum begreift man ansatzweise, was geschehen ist, kaum ahnt man was das alles für Konsequenzen hat, kommt schon der nächste Schlag.


Es ist mir auch ein Rätsel, wie es Saramago gelingt, mit dieser knappen, präzisen Sprache und seiner distanzierten Erzählhaltung eine so bedrückende Nähe zu schaffen, wie er mit einer Sprache, die fast ohne Attribute auskommt das ganze Szenario so plastisch, fast bis zum Ekel greifbar erstehen lässt.

Der Roman kann auf vielen Ebenen gelesen werden und ist auf jeder absolut stimmig: Man kann mit den Menschen mitgehen mit ihren Gefühlen von Hass, Furcht und Hoffnung, um sich einzugestehen, dass man selbst kaum anders gehandelt hätte.

Es ist aber auch ein gesellschaftskritischer Roman. Das steckt schon deutlich in den beiden Teilen, in die der Roman zerfällt: gefangen, kurz gehalten, mit sinnlosen Regeln terrorisiert in der ersten Hälfte, oder in Freiheit im Kampf um das Überleben sich selbst überlassen in der zweiten Hälfte. Ein Ausweg jenseits aller Ideologien wird nur angedeutet.

Und es gibt auch noch eine dritte Ebene: der Roman stellt die grundlegenden Fragen des Menschen:

- Was macht den Menschen aus, was unterscheidet ihn vom Tier? (im Roman kommt ein Hund vor, der sehr menschliche Züge trägt, aber Menschen kriechen wie Tiere durch die Straßen, auf der Suche nach etwas Essbarem)

- Was gibt dem Leben Sinn?

- Was vermag die Liebe in einer egoistischen Welt?

Jose Saramago

José Saramago wurde am 16. November 1922 in einem Dorf in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlages und Journalist bei verschiedenen Lissabonner Tageszeitungen. Ab 1966 widmete er sich verstärkt der schriftstellerischen Tätigkeit. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition. 1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Das Evangelium nach Jesus Christus
  • Das Memorial
  • Die Stadt der Blinden
  • Alle Namen
  • Handbuch der Malerei und Kalligraphie
  • Das Zentrum
  • Die portugiesische Reise
  • Der Doppelgänger
  • Die Stadt der Sehenden
  • Eine Zeit ohne Tod

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