Shan Sa - Die Go-Spielerin

Originaltitel: La joyeuse de go
Roman. Piper Verlag 2002
248 Seiten, ISBN: 349224033X

Eine kleine alte Stadt in der Mandschurei im Jahr 1937 bildet den Rahmen dieses Buches.

Ein junges Mädchen aus gutem Haus, wohlhabend, wächst in einem sehr fortschrittlichen Haushalt auf. Ihre Eltern hatten im Ausland gelebt, im Westen; doch sie waren zurückgekommen, hatten sich wieder in das traditionelle System eingereiht, wenn auch nicht mehr in der vollen Überzeugung anderer. So verbieten sie ihrer Tochter auch nicht, sich immer wieder an einen Ort zu begeben, der ansonsten vornehmlich von Männern besucht wird: zum Go-Spiel, in dem sie es zur Meisterschaft gebracht hat.

Eines Tages trifft sie auf diesem Platz auf einen Mann, der ebenso wie sie schweigend dem Spiel ergeben ist. Es finden kaum Gespräche zwischen ihnen statt, und wenn, dann drehen sie sich um die Vereinbarung eines Termins für die Fortsetzung des Spiels. Was das Mädchen nicht weiß: Der junge Mann ist Japaner, ist einer von diesen Besatzungssoldaten, die gerade erst den Aufstand niedergeschlagen haben, an dem auch ihr Freund beteiligt gewesen war.

Immer kapitelweise abwechselnd erlebt man als Leser die Situation in der Mandschurei aus zwei verschiedenen Perspektiven; man lebt mit dem japanischen Soldaten, der beim Go-Spiel eigentlich spionieren sollte, spürt seine Traurigkeit, aber auch die Selbstverständlichkeit, mit der er sein Kriegshandwerk versieht.

Die junge Chinesin hingegen wird in dieser Zeit erwachsen; ihre beste Freundin, wie sie in der Schulzeit an ein Leben in westlicher Freiheit gewöhnt, muss sich wieder den Konventionen beugen, sie selbst wird schwanger von einem jungen Mann, der nicht ihre große Liebe ist, der sie in der Stunde seines Todes verrät.

Und dann eskaliert die Situation in der Stadt - der Marsch auf Peking beginnt...

Nach den ersten 30 Seiten war ich knapp davor, das Buch wieder zuzuklappen und wahrscheinlich nie wieder aufzuschlagen. Zum Glück habe ich mich davon überzeugen lassen, weiterzulesen! Auf sehr stille, unprätentiöse Weise liest man hier von der behutsamen Annäherung zweier sehr verschiedener Menschen, deren Kulturen gerade im Begriff sind, sich zu bekriegen.

Vor allem die Passagen, in denen der Japaner die kurzen Begegnungen mit seiner Go-Spielerin reflektiert, wie er ihre Aufmachung, den Fortgang ihrer ureigenen Geschichte an ihrem Äußeren abliest, während sie sich gegenübersitzen und sich rein auf das Spiel konzentrieren, sind unbedingt lesenswert.

Auch wenn eigentlich Handlung genug stattfindet in diesem Roman, ein Aufstand, eine HInrichtung, eine Schwangerschaft - der Grundtenor bleibt immer ruhig und still, beinahe unbewegt. Vielleicht wirken die Geschichten daher so anhaltend nach, bleiben die Bilder, die man beim Lesen gar nicht so intensiv wahrgenommen hatte, so nachhaltig ins Gedächtnis gebrannt.

Die Go-Spielerin zählt zu den Büchern, die man erst nach einer Weile so richtig zu schätzen weiß - vielleicht, weil man dabei auch einige der Schwachstellen milder beurteilt. Dennoch: eine Lektüre, die ich unbedingt weiterempfehlen möchte.

Shan Sa

Shan Sa, geboren 1972 in Peking, wo sie mit acht Jahren ihren ersten Gedichtband veröffentlicht und zum *Aufsteigenden Stern Pekings* gekürt wird. Nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 emigriert sie nach Paris, wo sie sich mit der Tochter des Malers Balthus anfreundet und in dessen Haus kalligraphiert, malt, schreibt. *Die Go-Spielerin* ist ihr dritter Roman; er wurde mit dem Prix Goncourt des Lycéens ausgezeichnet und stand monatelang auf den französischen Bestsellerlisten.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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