Originaltitel: Das Ultimatum
Roman. CH Beck Verlag 2001
221 Seiten, ISBN: 3423137924



Ostberlin 1958. Noch sind die Grenzen offen nach Westberlin, noch ist es kein Problem, einfach Freunde zu besuchen, ins Kino zu gehen auch wenn es verboten ist, oder am Kurfürstendamm einkaufen zu gehen.
In den Seminaren wird heftig debattiert, was mit den Staatsschädlingen zu machen ist, die den Inhalt der Westpakete, die Freunde ihnen zugeschickt haben, verzehrt anstatt gemeldet haben.
Man hätte doch mit dem Lesestoff, den man lesen darf, ein Leben lang genug - wozu sollte man sich da noch für französische Schriftsteller interessieren, oder italienische, amerikanisch? Jenny findet in der Bibliothek eines der verbotenen französischen Bücher und nimmt es mit nach Hause; Briefe, die eine adelige Mutter an ihre Tochter geschrieben hatte.
Und wie ähnlich waren diese Briefe doch denen, die sie selber von zu Hause erhielt! Mal eifersüchtig, dann wieder offen und verständnisvoll, fordernd, beleidigt - daran können auch 250 Jahre nichts ändern. Ein Trost für Jenny, mit ihren zwischen Freiheitswillen und bedingungsloser Liebe schwankenden Gefühlen nicht alleine zu sein.
Und dann noch Robert - auch ein Student, den sie hier in Berlin kennen gelernt hatte. Einer, mit dem man reden konnte, stundenlang. Einen, den man getrost heiraten konnte. Und mit dem man den Gedanken an eine Flucht, an ein Leben im Westen, in Freiheit, aber fern der geliebten Mutter, zumindest in Erwägung ziehen kann...
Für mich war dieses Buch ein unerwarteter Glücksgriff. Einmal zu lesen angefangen, konnte ich mich kaum noch davon losreißen.
Mit einer poetisch zarten, klaren und frischen Sprache erzählt Irene Ruttmann eine Geschichte, die sich so ähnlich wohl auch in ihrem Leben abgespielt haben könnte; aufgewachsen in den Kriegsjahren, danach in Ostberlin zu studieren begonnen und in den Westen geflüchtet.
Es wäre bestimmt interessant zu erfahren, wie jemand, der diese Zeit auch miterlebt hat, diesen Roman betrachtet - aber für mich war es atmosphärisch dicht, glaubwürdig, trotz manchmal schlimmen Situationen von einer heiteren Grundstimmung getragen.
Es ist die Sprache, die so klar und unverschnörkelt und trotzdem sanft und nuanciert verwendet wird, die mich zuerst begeistert hat. Und die Art und Weise, wie vom alltäglichen Leben erzählt wird, ohne dabei in Klischees zu verfallen, wie dieses zarte Bindungsgeflecht, das neben Familie und Freunden den Begriff "Heimat" ausmacht, beschrieben wird, machen dieses Buch für mich zu einem ganz besonderem.
Irene Ruttmann wurde 1933 in Dresden geboren. Sie studierte Germanistik, Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Anglistik in Leipzig und Ost-Berlin und promovierte schließlich in Frankfurt / Main. Nach Unterricht am Goethe-Institut arbeitete sie für Verlage, Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen als Literaturwisenschaftlerin und -kritikerin.
Javier Marias - Die sterblich Verliebten
Wozu ist der Mensch aus Liebe fähig? Welche Taten werden im Namen der Liebe begangen? Das ist ein Thema, das den spanischen Erfolgsautoren Javier Marias (Mein Herz so weiß) in seinen Romanen immer und immer wieder behandelt. Auch in seinem neuen Roman, der steht dieses Thema im Vordergrund und wird gewohnt ausschweifend behandelt. Wer diesen Stil mag, wird auch diesmal wieder genug Gelegenheiten haben, sich an Sprache und Wendungen zu erfreuen. An "Mein Herz so weiß" kommt er damit aber nicht heran. [..MEHR..]
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