Willy Russell - Der Fliegenfänger

Originaltitel: The Wrong Boy
Roman. Diana Verlag 2000
525 Seiten, ISBN: 3828400574

Seit Raymond Marks in den Fluss gesprungen war, um seinen Freund vor dem Ertrinken zu retten, war alles immer nur schlechter geworden. Alle Welt betrachtete ihn seither als perversen Jungen, der seine Klassenkameraden zu schmutzigen Gewohnheiten anstiftete; jede ansonsten harmlose dumme, anzügliche Bemerkung - wie Jungen in seinem Alter sie zu machen pflegen - wird als weiterer Beweis für seine Perversion gewertet. Was bleibt einem da übrig, als wieder in den Fluss zu tauchen, um den richtigen Jungen zu finden, der ganz offensichtlich da unten geblieben war?

Aber das versteht niemand. Im Gegenteil: jetzt glauben alle, auch seine Mutter, dass er sich umbringen wollte. Umbringen, und das ist die nächste Stufe, weil er solche Schuldgefühle hatte. Weil er doch dem kleinen Mädchen Schlimmes angetan hatte, das zufällig zur selben Zeit am Fluss war. Dass er daran nun wirklich keine Schuld trug - das glaubte ihm niemand.

Und so weigerten sich plötzlich alle seine alten Freunde, mit ihm zu spielen. Seine Mutter zog weg mit ihm, er musste die Schule wechseln, und wieder wechseln, bis entschieden wurde, dass es wohl das beste für ihn wäre, eine Sonderschule zu besuchen. Konnte der Abstieg noch tiefer sein?

Aber gerade hier, in der Sonderschule, passierte plötzlich etwas, womit er in seinem Leben nicht mehr gerechnet hätte. Er findet Freunde; wirkliche, gute Freunde, die ihm dazu verhelfen, wieder an sich zu glauben. Aber eines Tages sind beide weg...

Das alles erzählt Raymond Marks in langen Briefen seinem Idol Morrissey. Als er die Musik von The Smiths entdeckt, hat er seit langem das erste Mal das Gefühl, dass es irgendwo auf dieser Welt einen Menschen gibt, der all das, was er selber fühlt, auch kennt, der es auch geschafft hat, es in wunderbaren Liedtexten nieder zu schreiben. Dass ausgerechnet diese Liebe zur Musik Morrisseys Raymond eine weitere Odyssee bescheren würde, ist Ironie an sich; für die Mutter ist diese morbide Musik ein Zeichen für die krankhafte Veranlagung des Sohnes.

Immer wieder mit Bezug zu den Liedern der Smiths erlebt man mit Raymond die Entwicklung vom normalen, liebenswerten Jungen zum unverstandenen Ungeheuer; man leidet unter dem Unvermögen der Mutter, ihren Sohn zu unterstützen, stöhnt, weil Raymond ein unglaubliches Talent dafür hat, im falschen Moment den Mund aufzumachen und garantiert den nächsten Fettnapf erwischt; man geht mit ihm durch Verzweiflung, Auflehnung und Resignation.

Aber der Punkt, wo das Buch wirklich anfängt, den Leser emotional so sehr zu bewegen, dass es weh tut, ist, als Raymond, Twinky und Norman sich in der Sonderschule anfreunden. Die Kraft, die diese Benachteiligten füreinander aufbringen, die zarte Liebe, die ihnen niemand zutrauen würde - das ist von einer Poesie, wie ich sie in diesem Buch nie vermutet hätte.

Die erzählte Story hat mir sehr gut gefallen, ohne mich deshalb an allen Stellen gleichermaßen zu fesseln; der Autor hat den Mut, seinen Protagonisten auch wirklich unangenehm werden zu lassen, so dass man nicht in Versuchung gerät, Mitleid mit ihm zu haben. Sehr lesenswert - und für Fans von The Smith und Morrissey wohl ein spezieller Genuss.

Willy Russell

Willy Russell wurde in Whiston, nahe Liverpool, geboren, verließ mit fünfzehn die Schule und war Damenfriseur, Sockenverkäufer und fahrender Folksänger, bevor er ernsthaft zu schreiben begann; er ist der Autor von erfolgreichen Westend-Musicals wie Educating Rita und Shirley Valentine, für deren Verfilmung er auch Oscar-nominierte Drehbücher schreib. Der Fliegenfänger ist sein erster Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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