Artus Russell - Unperson

Originaltitel: Ompersoonlijkheid
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2002
603 Seiten, ISBN: 3630871208

Selbstmord lässt immer Zweifel und Unsicherheit zurück - hätte man, wenn man etwas aufmerksamer, etwas weniger auf die eigenen Probleme konzentriert gewesen wäre, noch etwas verhindern können? Vor allem aber bleibt die große Frage nach dem Warum zurück.

Dieses Warum quält auch Evelien; ihre 16jährige Schwester Liedewij hatte sich vom 15. Stock ihres Wohnhauses gestürzt. Völlig klar. Hatte ihr Zimmer noch aufgeräumt, ein Testament gemacht. Und einen Zettel hinterlassen "Weil du es nicht getan hast, habe ich es getan". Was meint sie damit? Ist das auf sie, Lien, gemünzt, die im letzten Jahr so oft versucht hatte, an ihre Grenzen zu gehen, die sich auf die Bahngleise gelegt hatte, um erst in allerletzter Sekunde aufzustehen? Die mit dem Fahrrad in halsbrecherischem Tempo auf eine Mauer zugerast war?

Auch für ihre Eltern gibt es keine Erklärung, warum ausgerechnet Liedewij diesen Weg gewählt hatte. Bei Lien war man auf das Schlimmste gefasst gewesen, aber Liedje? Die vernünftige, hochintelligente, engagierte Liedje, die so selbstbewusst war, so zielstrebig?

Lien gräbt, quält sich, ihre Eltern, und stellt Fragen, die ihr keiner beantworten kann. Vor allem aber stellt sie immer wieder Fragen nach Joris. Joris war 10 Monate lang mit ihrer Schwester zusammen gewesen, bevor er sie für eine andere verlassen hatte. Joris, mit dem Liedje so viel Zeit verbracht hatte, für den sie getanzt hatte, dessen mangelndes Selbstvertrauen sie zu kompensieren versucht hatte - und dem sie über den Tod seiner Schwester hinweghelfen wollte. Denn Joris´ Schwester hatte Selbstmord begangen...

Und dann kommt Joris zu Wort. Schildert diese 10 Monate ihrer Beziehung aus seiner Sicht, erzählt, wie es überhaupt dazu kam - denn nach dem Tod seiner Schwester, für den er sich verantwortlich fühlt, wollte er selbst nicht mehr weiterleben. Nur der Mut, den endgültigen Schritt zu tun, der fehlte ihm noch. Bis er dann eines Tages zu einer seltsamen Gruppe mitgenommen wird, deren Mitglieder allesamt dem Leben nichts mehr abgewinnen können. Aber sie haben Angst vor ihrem Lebenswillen, Angst davor, dass es nach dem Selbstmord nicht vorbei sein könnte. Also wird alles unternommen, um den Geist zu töten - und aus diesem Grunde sollte Joris sich eine Freundin suchen, die das Verhältnis, das er zu seiner Schwester hatte, für ihn umkehren sollte. Deren Gefühle er so weit manipulieren sollte, bis auch ihr Lebenswille gebrochen war, so wie Maud den seinen gebrochen hatte...

Sich mit Selbstmord zu beschäftigen heißt auch, sich mit den ureigensten Ängsten auseinanderzusetzen. Was kann einen Menschen dazu treiben, sein einziges Leben einfach wegzuwerfen? Wie verzweifelt muss man sein, um zu dieser Tat bereit zu sein? Von vielen Seiten nähert der Autor sich diesem Thema. Lien´s Vater ist Feuerwehrmann, er kommt von Berufs wegen immer wieder mit Selbstmördern in Kontakt, putzt den Dreck weg, den ihr Tod mit sich bringt, erzählt seinen Kindern davon. Aber nie, bis er seine Tochter tot auf dem Gehweg vor dem Haus sieht, nie vorher hatte er sich damit auseinander gesetzt, was diese Menschen antreibt.

Sie waren eine Familie wie viele andere, ein liebevoller Vater, eine Mutter, die zu Hause dafür sorgte, dass alles seinen geregelten Gang ging, Eltern, die ihren Kindern alles ermöglichen wollten, die sich mit ihren Leidenschaften beschäftigten, mit ihnen redeten, der Meinung waren, ihre Kinder zu kennen. Zwei Schwestern, die ein überaus enges Verhältnis zueinander hatten - und wo die eine dennoch nicht sehen kann, was die andere zum Sprung bewegt hat. Festzustellen, dass ein Mensch, den man so vertraut wähnte, noch vieles vor einem verbirgt - wie der Autor das ganz nah an den Leser herankommen lässt, geht ganz schön unter die Haut.

Dieser erste Teil, in dem Lien auf der Suche nach der verlorenen Schwester ist, erzählt die Geschichte aus ihrer ureigensten Sicht heraus. Erzählt auch von ihrer eigenen Verlorenheit, die sie schon lange vor dem Sprung ihrer Schwester gefühlt hatte, von diesem Gefühl, in einer immerwährenden Routine zu ersticken, wenn sie nicht hin und wieder etwas riskierte. Dieser Kick, von der Gefahr zu wissen, und sich doch auf die eigene Kraft und Schnelligkeit zu verlassen, die einen im letzten Augenblick retten würde.

Diese Hälfte des Buches zählt zweifelsohne zum Intensivsten und Dichtesten, was ich seit langer Zeit gelesen hatte. Und auch wenn Joris Geschichte, die Sekte, die sich der Unpersönlichkeit, der Auslöschung verschrieben hat, dagegen zweifellos abfällt, auch nicht immer ganz schlüssig ist - sie ist doch ein notwendiger Teil, um zu zeigen, was Lien von ihrer Schwester nicht wissen konnte.

Diese Gruppe von Menschen, deren Ziel es ist, sich gegenseitig im tiefsten Grad zu demütigen, den eigenen Willen zu brechen, bedient sich immer eines Partners außen, der davon keine Ahnung hat. Ein großes Spiel, so scheint es - mit dem großen Unterschied, dass es sich um lebende Menschen handelt.

Für mich war es schade, dass aus Joris im letzten Teil noch mehr oder weniger ein Monster wurde, es nimmt dem beklemmenden, atemlosen Buch ein wenig die Schärfe des Alltäglichen, des jederzeit Möglichen. Dennoch: ein Buch, das nicht mehr loslässt, das am Leser zerrt und piekst und schneidet - ein besonderes Buch.

Artus Russell

Russell Artus wurde 1969 in Tilburg, Niederlande, geboren, wo er auch heute lebt. Er hat in London studiert und bisher zwei Romane und einen Erzählband in den Niederlanden veröffentlicht.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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