Salman Rushdie - Wut

Originaltitel: Fury
Roman. Kindler Verlag 2002
382 Seiten, ISBN: 3463404060

Wie soll man seiner Frau erklären, dass man gehen muss, weil man Angst davor hat, sie und den gemeinsamen Sohn umzubringen? Und das, obwohl man sich doch eigentlich liebt, es keinen Grund gibt, außer diesen tief sitzenden Groll, diese Wut, die ein Ventil sucht.

In dieser Lage ist Malik, ein knapp über fünfzigjähriger Professor; und er geht, ohne Erklärung, auch wenn er weiß, wie sehr er seine Frau und seinen Sohn damit verletzt, die ihn einfach nicht verstehen können. Er geht nach New York. Hierhin, wo keiner ihn kennt. Und wo er dennoch an so vielen Stellen diese Wut wieder spürt - beim Taxifahrer, der ununterbrochen schimpft, bei den Jugendlichen, die auf der Treppe des Nachbarhauses herumlungern.

Und eine aus dieser Jugendbande ist es dann auch, die ihn erkennt. Ja, er ist berühmt, er ist der Schöpfer dieser Puppe, des Braingirls. Erst war es nur eine Puppe, die er gebastelt hatte, der er andere Personen aus der Zeitgeschichte zur Seite gestellt hatte. Aber daraus hatte sich ein riesiger Konzern entwickelt, dem er nicht mehr Herr wurde. Seine Idee, die großen Denker aller Epochen von der respektlosen Puppe direkt befragen zu lassen hatte ihm eine Fernsehshow eingebracht, die erst als Geheimtipp galt - und dann, mit zunehmender Popularität, an Anspruch verlieren musste, um die breite Masse zufrieden zu stellen.

Aber dieses Mädchen, das ihn hier in New York erkennt, gehört keinesfalls zur breiten Masse. Sie und ihre Freunde haben eine hochkomplexe Internetfirma - und für sie fängt er dann auch an, wieder kreativ zu werden, seine Energie zu bündeln in ein Projekt, wie es gigantischer noch keiner erdacht hatte: die Antike neu zu erzählen, interaktiv zu gestalten.

Die Zusammenarbeit wird empfindlich gestört, als Malik die schönste Frau, die man sich vorstellen kann, erobert. Ja, seine kleine Freundin ist eifersüchtig, ist wütend - aber nicht so wütend wie die Freunde seiner neuen Schönen, die in ihrem kleinen Inselstaat anfangen, sein Geschöpf, das interaktive Puppenspiel, in die Realität umzusetzen...

Einen Roman von Salman Rushdie nacherzählen zu wollen ist ein Versuch, der von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Viel zu viele einzelne Geschichten sind hier auf engem Raum gedrängt, aber dennoch hoffe ich, mit diesem Abriss hier einen kurzen Einblick in die Haupttriebfeder des Romans zu geben: Die Wut.

Unkontrolliert, unbezähmbar bricht sie immer wieder aus Malik heraus. Unaufhörlich ist der Wortschwall der Verfluchungen, den der Taxifahrer hervorbringt. Hier ist auch die Verbindung zum 11. September zu finden, die der Verlag am Buchrücken so explizit und eigentlich irreführend hervorweist; dieser Taxifahrer ist Moslem, der alles, was amerikanisch, kapitalistisch ist, verteufelt, der die Anmaßungen anprangert, derer die USA sich schuldig machen - und doch nie anderswo gelebt hat.

Es ist das dritte Buch von Salman Rushdie, das ich jetzt lese - die anderen beiden (Mitternachtskinder / Des Mauren letzter Seufzer) hatten Indien zum Thema. Und erst bei diesem im westlichen Kulturraum angesiedelten Buch wird mir bewusst, was ich wohl in seinen anderen Büchern alles verpasst habe, weil ich gar keine Ahnung davon hatte, dass er mit einzelnen Bemerkungen, Wortwendungen, Szenen auf etwas anspielen könnte. In "Wut" allerdings fällt es mir auf - und wie! Es ist unglaublich, welchem Strom an Geschichte, Literatur, Philosophie, Popmusik man sich plötzlich ausgesetzt sieht - anstrengend manchmal, aber auch ein echtes Vergnügen!

Und dazu noch der Plot des Romans - die Puppen, die so perfekt konstruiert sind, dass sie ihrerseits in der Lage sind, Puppen zu kreieren, dass sie auch in der Lage sind, ihren eigenen Code zu verändern - dieses Gedankenexperiment muss man selbst mit gemacht haben.

Zwar fällt das letzte Viertel im Verhältnis zum restlichen Roman nochmals ab, ist nicht ganz so intensiv wie der Rest, aber das ist mir bislang mit allen Büchern Rushdies so ergangen. Dennoch: ein Buch, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte!

Salman Rushdie

Salman Rushdie wurde 1947 in Bombay geboren und studierte in Cambridge Geschichte. Danach arbeitete er am Theater und als freier Journalist und Schriftsteller. Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des Romans "Die satanischen Verse" im Jahr 1988 bezichtigte der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini Rushdie der Blasphemie und verhängte über ihn das Todesurteil, die Fatwa. Nach mehr als 10 Jahren mit unbekanntem Aufenthalt in England lebt Rushdie heute in New York.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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