Philip Roth - Mein Leben als Sohn

Originaltitel: Patrimony
Sachbuch. dtv Der TaschenbuchVerlag 1991
210 Seiten, ISBN: 3423119659

Natürlich weiß man eigentlich, dass die eigenen Eltern irgendwann alt werden, und damit verbunden auch hinfälliger; Krankheiten stellen sich ein, und auf einmal sind sie nicht mehr in der Lage, sich selbst weiter wie bisher zu versorgen. Trotzdem ist es dann ein Schock wenn es tatsächlich soweit ist.

Herman Roth, Philip Roths Vater, hatte sich nach dem Tod seiner Frau nochmal überraschend gut erholt; nach der Trauerzeit hatte er begonnen, sein Witwerdasein noch richtig zu genießen, war im Winter in Florida von den alleinstehenden Damen umschwärmt worden und hatte sich auch wirklich noch einmal verliebt. Doch eines Morgens war mit seinem Gesicht etwas nicht mehr in Ordnung: er konnte nur noch eine Hälfte davon bewegen.

Nicht so schlimm, lautete die erste Diagnose der Ärzte in Florida; ärgerlich, aber nicht lebensbedrohlich. Erst in New York wurde er dann genauer untersucht und dabei festgestellt, dass er einen großen Gehirntumor hatte.

Plötzlich waren Entscheidungen zu treffen, die man lieber weit wegschieben würde: sollte man diesen Tumor noch operieren? Schon der Eingriff als solches mit viel Risiko verbunden, dazu die Aussicht, in monatelanger, mühevoller Kleinarbeit wieder laufen, sprechen, alles neu lernen zu müssen. Konnte und wollte man das einem Mann von fast 90 noch zumuten?

Die Entscheidung gegen die Operation ist gleichzeitig auch ein Wissen darum, dass in absehbarer Zeit eine deutliche Verschlechterung des Zustands eintreten wird.

Aber natürlich ist dieses Buch viel mehr als ein Bericht über den Verlauf einer Krankheitsgeschichte, mehr als ein lebendiges Zeugnis von den Befürchtungen und Ängsten die in diesem Zusammenhang auftreten.

Philip Roth hat hier ein sehr persönliches Dokument über eine Vater-Sohn-Beziehung geschaffen; er schafft es, den Vater in seiner ganzen Wesensart lebendig werden zu lassen, berichtet über das Familiennetzwerk in den Vierzigern, über die schwierigen Aufstiegschancen, die er bei der Versicherung hatte, über seine oft sehr despotische Art, mit der er seine Frau nach seiner Pensionierung verrückt gemacht hatte. Herman Roth ist ein Mann, der sich um die Seinen kümmert – auch wenn das bei den Betroffenen nicht immer auf Gegenliebe stößt, wenn er seinen Enkelsohn beispielsweise fortlaufend ermahnt, was er mit seinem Geld machen soll, oder seine Freundin bei jedem Bissen daran erinnert, dass sie zu dick ist.

Philip Roth verherrlicht seinen Vater nicht; er zeigt uns durchaus seine Schwächen, lässt uns auch teilhaben an der Schwierigkeit des Verhältnisses untereinander, der Scham, die den Sohn aufgrund der mangelnden Bildung des Vaters von Zeit zu Zeit überfällt, die Eifersucht auf den Bruder, der den Großteil des Ersparten erben wird – obwohl Philip das selbst so gewollt hatte; er lässt uns auch die Verletzung spüren, die er empfindet, wenn sein Vater wieder einmal die sorgfältig für ihn ausgewählten Geschenke zurückgibt oder weiterverschenkt.

Es ist ein Buch, in dem auf sehr zärtliche Weise Abschied genommen wird. Auch in den peinlichen Momenten, wenn die körperliche Hinfälligkeit so groß ist, dass intime Handreichungen nötig sind, will man als Leser nicht pikiert, unangenehm berührt den Kopf abwenden – es gehört dazu, wird nicht kleingeredet, aber auch nicht dramatisiert.

Für mich zählt dieses Buch zu den Werken, die jeden angehen; jeden, der weiß, dass er irgendwann von den Eltern Abschied nehmen muss oder diese Erfahrung schon hinter sich hat. Eine Empfehlung auch für die Leser, die mit Roth bislang wenig anzufangen wussten...

Philip Roth

Philip Roth, geboren am 19. März 1933 in Newark/New Jersey, studierte an der Bucknell University in Lewisburg / Pennsylvania und graduierte 1955 an der Universität Chicago zum Master of Arts für englische Literatur. Er erhielt mehrere literarische Auszeichnungen, zuletzt den Pulitzer-Preis für seinen Roman "Amerikanisches Idyll".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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