Philip Roth - Der menschliche Makel

Originaltitel: The Human Stain
Roman. Hanser Literatur Verlag 2000
400 Seiten, ISBN: 3499231654

Coleman Silk; ein verbitterter Mann, 71 Jahre alt, der nur ein Thema zu kennen scheint: die ungerechte Behandlung, die ihm an seinem College zuteil geworden war. Zwei Worte, zwei kleine Worte von all den vielen die er im Laufe seiner langen Lehrtätigkeit geäußert hatte, waren ihm zum Verhängnis geworden; als "dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen" hatte er die beiden stets fehlenden Studenten bezeichnet, die in seinem Seminar eingeschrieben waren, aber niemals persönlich auftauchten. Nun waren diese beiden Studenten schwarz; ein Umstand, von dem er nichts ahnen konnte, da er sie doch noch niemals gesehen hatte.
Der Wirbel, den die darauf folgende Rassismus-Anklage mit sich bringt, wird noch durch den Tod von Colemans Frau verstärkt.

Aber eines Abends, als der Erzähler des Romans, der Schriftsteller, zu den üblichen Samstagabend-Drinks zu Coleman kommt, hat dieser mit seiner Anklage mehr oder weniger abgeschlossen. Zwei Jahre lang hatte er an seiner Abrechnung geschrieben, aber nun, da sie fertig ist, auch selbst erkannt: es ist Mist.

Und er hat eine Frau kennen gelernt, mit der er ein Verhältnis hat, eine Frau, die aus einer völlig anderen Gesellschaftsschicht stammt, die nicht lesen kann, die nicht einmal halb so alt ist wie er selbst; und die ebenfalls ihr Päckchen an Tragödien (schlagender Exmann, 2 tote Kinder, ein fummelnder Stiefvater) mit sich trägt.

Faunias Exmann, Less Farley, war nicht immer so gewalttätig. Aber im Vietnamkrieg hatte man ihm beigebracht zu töten - und nun war das plötzlich eine Fähigkeit, die nicht mehr gefragt war. Er spürt das Pärchen auf, bedroht sie - aber kampflos will Coleman Silk sich das nicht gefallen lassen. Der Rat seines Anwalts aber, den er nicht hören will, lautet: er soll sich, wenn er einen Skandal vermeiden will, von Faunia trennen.
Darüber gerät er in Rage; und zum Schluss wirft er dem Anwalt ein Wort an den Kopf, das genauso verräterisch ist wie die #spooks#, die ihm ja schon zum Verhängnis geworden waren: lilienweiß.
"Wag es nicht, dein lilienweißes Gesicht jemals wieder dort blicken zu lassen" hatte ihm sein Bruder hasserfüllt zu verstehen gegeben, nachdem er seiner Mutter das Schlimmste antat, was möglich war: sie zu verleugnen.

Auch wenn sein helles Äußeres seine Umgebung täuschen konnte: aufgewachsen war Coleman Silk als Schwarzer....

Noch mehr zu verraten hieße, zu viel der Lesefreude vorwegzunehmen. Aber immer noch bin ich von der Menge an Geschichten, die in diesem Buch enthalten sind, begeistert und fasziniert. Wie kann ein Mensch seine Identität so völlig hinter sich lassen? Sich neu erfinden, die eigene Geschichte zurechtbasteln, immer auf der Hut, die Realität zu verbergen. Und immer mit der Angst, die genetischen Merkmale könnten bei seinen Kindern, bei den Enkelkindern wieder verstärkt auftreten.

Oder alleine die absurde Situation an der Universität: wo das Bemühen, Benachteiligten zu helfen, zu einer Farce geworden ist, einem politischen Mittel, das jede auf Argumenten basierende Diskussion im Keim erstickt - Hauptsache, man handelt pc.

Die Spätfolgen des Vietnamkrieges, die ehemaligen Soldaten, die nun nach dem Krieg keinen Fuß mehr auf den Boden kriegen, die mit ansehen müssen, wie die "Schlitzis" plötzlich überall zu sein scheinen, ihre Restaurants aufmachen, ihr Leben leben - das sind nur ein paar der Themen, die dieses Buch durchziehen.

Es gibt wunderbare, anrührende Szenen, wie der Tanz der beiden alten Männer im Mondschein - Szenen, die einem weniger meisterhaften Autor ins Kitschige entgleiten würden, die hier aber nicht einmal peinlich erscheinen.

Und es ist ein Buch, das sehr lebendige Charaktere im Auge des Lesers entstehen lässt; Menschen, deren Handeln man anfängt zu beurteilen, über die man sich unterhält, über die man sich aufregt, die einen schrecklich auf die Nerven fallen, von denen man sich abwechselnd angezogen und abgestoßen fühlt - ein Buch, das harsche Gesellschaftskritik übt und immer wieder einen Denkanstoß bietet - kurz: es ist ein ganz besonderes Buch.

Philip Roth

Philip Roth, geboren am 19. März 1933 in Newark/New Jersey, studierte an der Bucknell University in Lewisburg / Pennsylvania und graduierte 1955 an der Universität Chicago zum Master of Arts für englische Literatur. Er erhielt mehrere literarische Auszeichnungen, zuletzt den Pulitzer-Preis für seinen Roman "Amerikanisches Idyll".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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