Eva Rossmann - Freudsche Verbrechen. Ein Mira-Valensky-Krimi

Originaltitel: Freudsche Verbrechen
Roman. Folio Verlag 2002
283 Seiten, ISBN: 3852561639

Natürlich kommt der Anruf ausgerechnet beim Kochen. Mira Valensky ist gerade dabei, sich den einsamen Abend mit einem ausgezeichneten Menu zu versüßen, als eine alte Schulfreundin sie völlig verstört anruft - sie habe eine Leiche gefunden. Und ja, die Polizei habe sie schon informiert, aber sie wäre immer noch alleine mit der Toten.

Kann man so einem Hilferuf mit einem Achselzucken begegnen? Sicher nicht, wenn man Mira Valensky heißt. Mit leisem Bedauern wird der Fisch in den Kühlschrank zurückgelegt, und noch lange vor der Polizei ist sie im Freud-Museum angekommen, wo ihre Freundin sie schon erwartet. Ganz friedlich sieht das Bild aus; ein junges Mädchen, das im Vorzimmer des berühmten Psychoanalytikers sitzt, den Kopf auf den Händen abgestützt. Doch auf den zweiten Blick erkennt man die Würgemale am Hals- eindeutig Mord. Also nicht ihre Sache; sie ist nur hier, um ihrer Freundin Ulrike zur Seite zu stehen, auch wenn sie von der Polizei aufgrund ihres Mitwirkens bei anderen Mordfällen in der Vergangenheit sofort scheel beäugt wird.

Aber kurz darauf wird auch Ulrikes Freund ermordet - und nun muss Ulrike auch zugeben, dass dieser mit dem jungen Mädchen in der letzten Woche viel unternommen hatte. Der Fall scheint klar: Mord aus Eifersucht. Die Presse hat ihr Opfer, und das kann Mira Valensky nicht auf sich sitzen lassen. Schließlich schreibt sie selbst für das Magazin, und hier soll die Darstellung wahrheitsgemäß erfolgen. Außerdem drängt ihre Putzfrau ohnehin darauf, dass sie die Nachforschungen in Angriff nehmen sollte - denn das Motiv, so vermutet Mira, muss irgendwo in der Vergangenheit des Mädchens zu finden sein.

Und in New York findet sie dann auch ihre Spur: die Großmutter des Mädchens kam ursprünglich aus Wien. Kurz vor dem Krieg war sie ihrer Jugendliebe nach Amerika gefolgt - und hatte ihre Eltern nicht überzeugen können, nachzukommen. Sie waren Juden...

Was als heiterer Krimi beginnt, trifft bald darauf einen wunden Punkt: die Arisierung jüdischen Vermögens. Als bekannt wird, dass das Opfer Amerikanerin ist, und im Freud-Museum ermordet wurde, kommen von amerikanischen Journalisten Fragen bei der Pressekonferenz, die allesamt nur auf eines abzielen: dass das Mädchen antisemitischen Strömungen zum Opfer gefallen sei, denn schließlich war Freud Jude, und in Wien gibt es Neonazis.

Aber bald schon merkt man: auch wenn die Begründung falsch ist, das Motiv ist doch in der dunklen Vergangenheit Österreichs zu suchen; jener Zeit, in der man, wenn man die richtigen Beziehungen hatte, sehr leicht Besitz erwerben konnte.

Sehr kritisch äußert sich die Autorin hier über den auch heute noch versteckt schlummernden Antisemitismus, die alte Garde, die nach wie vor zusammenhält - ohne dabei in eine allgemeine Verurteilung zu fallen. Gerade die sehr differenziert dargestellte Situation lässt den Roman über einen Krimi hinauswachsen; ein zeitkritisches Buch, das zum Nachdenken anregt.

Dass man dazu noch eine erfreulich beherzte Journalistin mitgeliefert bekommt, die keine Modelmaße aufweist und weder in die Schublade Karrierefrau noch einsame Kämpferin zu stecken ist, macht die Lektüre umso angenehmer. Dass der Plot manchmal holprig wird, es durchaus auch die eine oder andere Länge zu überbrücken gilt, habe ich zwar vermerkt, es wurde aber durch die sprachlichen Qualitäten für mich ausgeglichen.

Eva Rossmann

Eva Rossmann, geboren 1962 in Graz. Zuerst Verfassungsjuristin im Bundeskanzleramt, dann politische Journalistin. Mitinitiatorin des österreichischen Frauenvolksbegehrens, ständige Kolumnistin im Standard. Lebt als Autorin im Weinviertel und veröffentliche zahlreiche Sachbücher, bevor sie begann, auch Kriminalromane zu schreiben.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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