Eva Rossmann - Kaltes Fleisch. Ein Mira-Valensky-Krimi

Originaltitel: Kaltes Fleisch
Roman. Folio Verlag 2002
283 Seiten, ISBN: 3852562201

Wer interessiert sich schon wirklich für das Leben der kleinen Angestellten in den Supermärkten? Würden Sie die Frau von der Fleischtheke erkennen, wenn Sie sie auf der Straße sehen? So ähnlich ging es auch Mira Valensky. Mit der einen oder anderen, etwas auffälligeren, Verkäuferin wechselte sie vielleicht ein paar Worte, aber das war es dann auch schon.

Bis sie eines Tages von der Kassiererin ihres Supermarktes angesprochen wird - ob sie ein paar Minuten Zeit hätte? Durch ihre Arbeit als Lifestyle-Reporterin hatte sie sich zwar einen gewissen Ruf erschrieben, aber was die Leute wirklich mit Mira Valensky in Verbindung brachten, war ihr Talent dafür, in seltsame Mordfälle hineingezogen zu werden. Einen Mordfall gab es bei Ultrakauf zwar nicht - aber Karin, die Abteilungsleiterin der Fleischabteilung, hätte einen sehr merkwürdigen Unfall gehabt und wäre nur durch Zufall mit dem Leben davongekommen.

Miras Neugierde ist geweckt. Als sie sehr rasch und ziemlich unmissverständlich von der Geschäftsleitung von Ultrakauf darüber informiert wird, dass ihre Schnüffelei so gar nicht gerne gesehen wird, ist ihr Ehrgeiz erst recht geweckt. Noch dazu, als kurz darauf der bei allen verhasste Regionalleiter erschossen im Lager aufgefunden wird - und Karin auf mysteriöse Weise verschwindet...

Zwar unterhält man sich auch in diesem Mira-Valensky-Fall wieder großartig bei der Beschreibung der kleinen sechsgängigen Menüs, die Mira ihrem Oskar so beiläufig kocht, den schlagfertigen Bemerkungen - aber insgesamt hat die Autorin schon einmal gezeigt, dass sie es eigentlich besser kann.

Es dauert sehr lange, bis sich aus den vielen vagen Andeutungen, den halbgaren Geschichten endlich etwas wie ein Fall herauszukristallisieren beginnt; fast scheint es so, als hätte die Autorin zu Beginn selbst nicht so recht gewusst, worüber sie nun schreiben soll: die schlechten Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter, die mangelnde Loyalität unter den Kollegen, oder über den Fleischskandal, der vor einigen Jahren durch die Medien ging.

Die Auflösung des Falles geschieht dann auch entsprechend abrupt und unsentimental; war Karin zuvor noch so wichtig, dass Mira, immerhin nur eine Kundin, sogar ihren Oskar versetzte, so ist nach ihrem Verschwinden das Interesse daran, ihren Verbleib aufzuklären, nur noch sehr marginal vorhanden.

Dabei hat Eva Rossmann mit ihrem titelgebenden Thema etwas gefunden, das bestimmt noch mehrere Krimileser interessiert: schließlich gehen wir wohl alle mal in Supermärkte einkaufen, vertrauen darauf, dass die Ware, die wir erhalten, frisch ist - und lassen uns davon entsetzen, wenn es nicht so ist, wenn Fleisch abgewaschen und umgepackt wird, das Haltbarkeitsdatum mal eben etwas verlängert wird...

Das alles wäre auch ohne Tote interessant; die Morde wirken an dieser Stelle einfach eine Nummer zu groß für das begangene Verbrechen.

Ich hoffe sehr, dass die Autorin in ihrem nächsten Buch, woran sie wohl schon arbeitet, sich entweder wieder ein Thema sucht, das sich wunderbar für ihren ironischen Stil eignet wie die Volksmusikszene, oder aber ihren Plot besser ausarbeitet.

Eva Rossmann

Eva Rossmann, geboren 1962 in Graz. Zuerst Verfassungsjuristin im Bundeskanzleramt, dann politische Journalistin. Mitinitiatorin des österreichischen Frauenvolksbegehrens, ständige Kolumnistin im Standard. Lebt als Autorin im Weinviertel und veröffentliche zahlreiche Sachbücher, bevor sie begann, auch Kriminalromane zu schreiben.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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