Rosamund Lupton - Außer sich

Originaltitel: Afterwards
Krimi. Hoffmann & Campe 2012
429 Seiten, ISBN: 3455403557

Die Perspektive, aus der dieser Kriminalroman erzählt wird, ist auf jeden Fall außergewöhnlich: Grace, die Ich-Erzählerin, liegt nämlich im Koma und geistert im wahrsten Sinne des Wortes durch das Krankenhaus. An dieser Stelle hätte ich, wäre ich allein durch den Klappentext auf das Buch aufmerksam geworden, wahrscheinlich schon abgewunken. Nun wurde es mir aber von belesener Stelle empfohlen - und ich habe das Buch in wenigen Stunden geradezu verschlungen (und ich wäre nicht ich, wenn ich nicht trotzdem den einen oder anderen Kritikpunkt hätte).

Grace liegt also im Koma. Ihre Tochter Jenny ebenfalls. Es gab einen großen Brand, Jenny war noch im Schulgebäude, Grace wollte sie retten und wurde dabei selbst schwer verletzt. Soweit die Fakten. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass in diesem Schulgebäude ein Brand ausbrechen konnte? Weshalb war Jenny noch im Gebäude? Wie Grace bald feststellt, ist sie in der Lage, ihren Körper zu verlassen - und kann immerhin mit einem Menschen Kontakt aufnehmen, ihrer ebenso schwer verletzten Tochter.

Gemeinsam versuchen sie zu begreifen, was ihnen widerfahren ist. Sie hören bei den Gesprächen der Ermittler zu - und müssen vor allem zu Grace´s Entsetzen feststellen, dass ausgerechnet ihr Sohn Adam im Verdacht steht, dieses Feuer unabsichtlich verursacht zu haben. Ein Umstand, der Grace nur schwer begreiflich erscheint. Immerhin kennt sie ihr Kind und dessen Angst vor Feuer, seine Höflichkeit, sein Bestreben, das richtige zu tun, ein guter Mensch zu sein. Unmöglich erscheint es ihr, dass ausgerechnet ihr Sohn nun also verantwortlich sein soll - und befürchtet ein Trauma bei ihrem Kind, das nie mehr heilen könnte.

Die Wahrheit, so viel sei verraten, sie kommt ans Licht. Die Erzählperspektive, so seltsam sie zu Beginn auch anmutet, erweist sich als erstaunlich tragfähig, die Geschichte ist spannend, man erhält als Leser gerade immer so viele Details, das sich das Puzzle mehrmals komplett neu zusammensetzt.

Aber besonders gut gefallen hat mir eigentlich eine ganz andere Perspektive des Krimis. Es geht um Familien, die Beziehung der Einzelnen zueinander, und das Vertrauen und die Liebe, die es dann auch ermöglicht, irgendwann einfach - loszulassen. Ja, zugegeben, es gab Stellen im Roman, die mir arg kitschig erschienen. Ein bisschen weniger heile Welt an mancher Stelle hätte es für mich auch getan. Aber dennoch - es hat mich angerührt und mich bewegt. Ein ungewöhnlicher Krimi, den ich gerne weiterempfehle.

Rosamund Lupton

Rosamund Lupton studierte in Cambridge und arbeitete als Werbetexterin sowie Rezensentin für die Literary Review. Sie schrieb zahlreiche Drehbücher für Film und Fernsehen. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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