Erich Maria Remarque - Der schwarze Obelisk

Originaltitel: Der schwarze Obelisk
Roman. Kiepenheuer & Witsch 1956
411 Seiten, ISBN: 3462027255

1923, eine Kleinstadt in Deutschland. Ludwig Bodemer, der den Krieg mitgemacht hatte, dann eine Weile Lehrer war, arbeitet nun in einem Geschäft für Grabsteine. Ein relativ sicherer Job; denn gestorben wird auch zu Zeiten der Wirtschaftskrise, und wenn man sich zu Lebzeiten schon nichts leisten konnte; ein guter Grabstein ist allemal drinnen.

Doch mit der Inflation ist es so eine Sache: je mehr man verkauft, umso mehr verliert man, da das Lager ja wieder gefüllt werden muß, und das zum teuren Preis.

Ludwig und Georg Kroll, der Besitzer des Geschäfts, haben die Regeln der neuen Wirtschaft nun notgedrungen gelernt und agieren damit; ganz anders Georgs Bruder Heinrich, der als Verkäufer unterwegs war.

Sie gehören alle einer verlorenen Generation an - man hat ihnen ihre Jugend geraubt. Gemeinsam waren sie alle im Schützengraben gelegen; auch Eduard Knobloch, der Wirt, der nur zähneknirschend ihre Essensmarken einlöst, der Dichter. Das Leben ist nicht mehr wie früher - einerseits gibt es nun eine Lockerheit, ein Fixieren auf Geldwerte, mit dem Ludwig mit seiner romantischen Seele nicht mithalten kann.

Doch für diesen Teil seiner Seele ist Isabelle zuständig - eine schizophrene Persönlichkeit, die er in der Nervenheilanstalt kennenlernt, die ihm in ihren Gesprächen eine Welt eröffnet, die er schon verloren glaubte….

Es ist schwer, im schwarzen Obelisken einen einzelnen Handlungsstrang zu beschreiben. Denn einen wirklich durchgehenden roten Faden, eine Handlung, die sich zum furiosen Finale steigert, die gibt es nicht.

Dafür birst das Buch geradezu über vor herrlich zynischen Geschichten. Ich hatte vor Jahren schon viele von Remarques Büchern gelesen - aber ich konnte mich nicht daran erinnern, daß sie so sarkastisch und überzeichnet gewesen wären.

Remarque ist ein Meister darin, seine Charaktäre zu schildern. Zu meinen Lieblingsszenen gehören die Auftritte im Lokal Walhalla - mit Eduard Knobloch, dem geizigen Wirt. Eine Kostprobe davon gibts unten.

Zudem ist es vor allen Dingen eines: ein Zeitzeugnis. Wie das Leben in Deutschland sich damals dargestellt hat (natürlich immer nur auszugsweise) - ich habe es mir niemals zuvor auch nur annähernd so plastisch vorstellen können. Die galoppierende Inflation treibt den Roman voran; steht der Dollarkurs zu Beginn bei 1:20 000, ist er gegen Ende bei 1: 1 000 000 000 , eine unvorstellbare Zahl.

Das Aufkommen des Nationalsozialismus wird auch immer deutlicher; es ist nicht überpräsent, es wird nicht davor gewarnt, es wird so gezeigt, wie viele es damals wohl auch erlebt haben.

Alles in allem: ein Roman, der auch mehr als 40 Jahre nach seinem Entstehen überaus lesenswert ist!

Erich Maria Remarque

Erich Maria Remarque, 1898 in Osnabrück geboren, besuchte das katholische Lehrerseminar. 1916 als Soldat eingezogen, wurde er nach dem Krieg zunächst Aushilfslehrer, später Gelegenheitsarbeiter, schließlich Redakteur in Hannover und ab 1924 in Berlin. 1932 verließ er Deutschland, lebte zunächst im Tessin/Schweiz. Seine Bücher Im Westen Nichts Neues und Der Weg zurück wurden 1933 von den Nazis verbrannt, er selber 1938 ausgebürgert. Ab 1941 lebte Remarque offiziell in den USA, erlangte 1947 die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1970 starb er in seiner Wahlheimat Tessin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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