Reinhard Kaiser-Mühlecker - Magdalenaberg

Originaltitel:
Roman. Hoffmann & Campe 2009
191 Seiten, ISBN: 3596187443

In Magdalenaberg wird die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der auf einem kleinen Bauernhof in Oberösterreich aufgewachsen ist, gegen den Willen seiner Eltern Matura gemacht hat und dann studiert, der dank eines unverhofften Erbes finanziell unabhängig ist und sich damit den Luxus leisten kann, seinen Grübeleien nachzugehen.

Sein vier Jahre jüngerer Bruder Wilhelm ist vor drei Jahren gestorben - wie genau, das erfährt man erst ziemlich am Ende des Romans, zwischendurch hatte ich kurz das beklemmende Gefühl, der Ich-Erzähler selbst könnte daran die Schuld getragen haben.

Denn Schuldgefühle ziehen sich wie ein roter Faden durch diesen Roman. Erst jetzt, durch die Abwesenheit des Bruders, wird ihm so richtig bewusst, wie wenig er ihn in der doch eigentlich gemeinsamen Kindheit wahrgenommen hat. Er sucht ihn in Erinnerungsbildern, sieht dort aber die Nachbarsjungen, die mit ihm ministriert haben. Wilhelm war der, dem schon väterlicherseits nicht viel zugetraut wurde, weil er sich auf eine sehr subtile Weise dem Anpassungszwang auf dem Bauernhof entzogen hatte. Ein Außenseiter, aber einer, der auch nichts dazu tat, dazu zu gehören. Der pflichtschuldig im Stall und auf den Feldern half, aber nur tat, was man ihm ausdrücklich auftrug. Im Gegensatz dazu Joseph, der sich genauso wenig als dazugehörend empfand, aber immer wieder den Versuch unternahm, sich anzupassen und einzugliedern.

Joseph ist ein stiller Mensch, der sich für seine wenigen Antworten auch viel Zeit lässt. Er denkt - wie es auch sein Bruder gemacht hat - die Fragen seines Gegenübers weiter wie ein Schachspieler seine Züge im Voraus berechnet. Dass die Antworten dann nicht unbedingt nachvollziehbar sind für den Fragenden, vor allem, weil die Zwischenschritte ja ausgelassen werden, kümmert ihn kaum.

Aber jetzt, mit Katharina, merkt er langsam, dass er vielleicht lernen muss, doch auch auf eine andere Weise noch zu kommunizieren. Mit Katharina, da war von Anfang an manches wie von selbst klar. Schon als sein Freund Thomas sie beim ersten Mal einfach abends mit ins Hallstätter Haus genommen hatte, gab es einen Augenblick, eine Frage, die für ihn herausstach. Und dann war sie einfach wieder gekommen - und bald geblieben. Doch nun ist auch sie fort, weggetrieben durch die fehlenden Antworten.

Man ist sehr schnell versucht, den Ich-Erzähler mit dem Autor gleichzusetzen. Die Eigenart des langsamen Sprechens und der langen Sprechpausen ist ihnen gemein, wie man in vielen Interviews nachlesen kann. Auch die Kindheit auf einem oberösterreichischen Bauernhof teilen sie - der Autor hat ihn nur etwa 10 km von Eberstalzell nach Pettenbach verlegt. Der Erzähler ist zwar etwas älter als der Autor es ist, was für mich beim Lesen manche kleine Irritation ausgelöst hat, auch wenn das Geschehene nicht fest in einer Zeit verankert ist.

Insgesamt ein Roman, der mir trotz aller Widersprüchlichkeiten erstaunlich gut gefiel, und mich neugierig auf mehr von diesem noch sehr jungen Schrifsteller gemacht hat. Auf jeden Fall ein Autor, den ich im Auge behalten werde.

Reinhard Kaiser-Mühlecker

Reinhard Kaiser-Mühlecker wurde am 10. Dezember 1982 in Kirchdorf an der Krems geboren und wuchs in Eberstalzell, Oberösterreich, auf. Er studierte Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung in Wien. Als Literat war er 2007 Stipendiat des Herrenhauses Edenkoben. 2008 debütierte er mit dem Roman Der lange Gang über die Stationen, für den ihm u.a. der Jürgen-Ponto-Literaturpreis und das HermannLenz-Stipendium verliehen wurden. 2009 folgte der Roman Magdalenaberg.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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