Marcel Reich-Ranicki - Mein Leben

Originaltitel: Mein Leben
Roman. DVA 2001
554 Seiten, ISBN: 3423130563

Marcel Reich-Ranicki, der einflußreichste Literaturkritiker des deutschen Sprachraums, schreibt hier über sein Leben.

1920 in Polen geboren, war er nach dem Bankrott seiner Eltern 9 Jahre später nach Berlin gekommen. Unterstützt von der Familie seiner Mutter, lebten sie hier nicht gerade üppig, aber zufrieden. Vor allem seine Mutter war glücklich, endlich wieder in Deutschland zu sein, dem Land der Kultur, ein Land, an das sie glaubte. Marcel erlebt eine Schulzeit im Wandel - zwar wird der Einfluß der Nationalsozialisten immer stärker, doch halten sich die Repressalien gegen Juden noch in erträglichen Grenzen. Vor allem aber wird in dieser Zeit seine Liebe zur Literatur, zumal zur deutschen Literatur, geweckt. Dies und die in den 30er Jahren in Berlin blühende Theaterszene prägen ihn ganz entscheidend.

Doch 1938 wird er, der Pole aus Deutschland ausgewiesen, nach Polen deportiert. Ein Polen, in das kurz danach die Deutschen einmarschieren und alle Juden im Warschauer Ghetto zusammenpferchen. Es gelingt ihm, zusammen mit seiner Frau den Holocaust zu überleben - doch der Rest der Familie wird in Treblinka vergast. Eine Frage, die ein Überlebender nie mehr vergessen kann: wieso durfte ich am Leben bleiben?

Nach dem Krieg unterstützt er die polnische Armee, arbeitet für kurze Zeit auch im Geheimdienst, der allerdings noch überhaupt nicht organisiert ist. Nach Aufenthalten in Berlin und London kehrt er wieder nach Warschau zurück. Er beginnt wieder damit, was er schon lange als seinen Traum ansah: Literaturkritiker zu sein. Eine ganze Zeit geht das gut - bis er, aus ihm unerklärlichen Gründen, mit Publikationsverbot belegt wird. Nahezu ein Todesurteil! Auch als dieses einige Jahre später wieder aufgehoben wird, steht doch der Entschluß, in den Westen zu gehen, nun fest.

Die Ausreise nach Deutschland gelingt - und die Kontakte, die er in den Jahren zuvor knüpfen konnte, ermöglichen ihm einen Start auch hier in Deutschland. Von der Qualität seiner Arbeiten überzeugt, wird ihm von der FAZ, der Welt, der Zeit ermöglicht, seine Kritiken zu schreiben. Er wird sogar der erste und einzige festangestellte Kritiker der Zeit, der sich nicht mit sonstigen Redaktionsangelegenheiten befassen muß.

Doch als er die Chance erhält, als Literaturchef der FAZ zu arbeiten, ergreift er diese. Angeboten wurde ihm dies von einem langjährigen Freund, Mitherausgeber der FAZ - Joachim Fest. Eine Freundschaft, die nach Jahren an einer Einstellung Fests scheiterte, die Reich-Ranicki nicht dulden konnte; die Verharmlosung der Greuelverbrechen gegen die Juden.

Auch von der Gründung des literarischen Quartetts, jener Sendung, die ihn auch dem Nicht-Leser bekanntgemacht hat, berichtet er.

Aber neben all seinen Erfolgen kommt doch immer wieder zum Ausdruck, wie sehr er bis heute an einer Isolation leidet, die ihn quält…

Uninteressant war sie bestimmt nicht, diese Autobiographie. Aber ich hatte mir trotzdem wesentlich mehr erwartet.

Seine Kindheit, Jugend - eine schwierige Zeit, gewiß. Die er ohne Pathos zu schildern vermag - und trotzdem eindringlich deren Greuel durchdringen.

Trotzdem ist es gerade dieser Part, der mir von der Sprache des Autors her am wenigsten gefallen hat. Er zitiert Oscar Wilde "Gute Künstler leben nur in ihren Werken, und sie sind daher als Persönlichkeit völlig uninteressant" - auf ihn trifft das Gegenteil zu. Seine Autobiographie - von ihm selbst erzählt, wenn er einem vielleicht gegenübersitzt, oder im Gespräch mit einem Journalisten: absolut faszinierend. Sie jedoch selbst zu lesen ist gelegentlich etwas fade. Vor allem auch, weil er einen Punkt, den er selbst immer wieder hervorstreicht, nicht einhält: sein Buch hat über 500 Seiten. Und trotzdem gelingt es ihm nicht, gerade von seiner Zeit als Literaturkritiker etwas tiefergehend zu beschreiben. So wie er auch selbst vom literarischen Quartett zugibt, dass die Beurteilungen nicht in die Tiefe gehen könne - genausowenig vermag er dies hier in der schriftlichen Form.

Seine Begegnungen lesen sich sehr häufig wie eine Aufzählung von Namen; eindrucksvoll, gewiß, aber eben nicht mehr.

Marcel Reich-Ranicki hat wirklich eine Geschichte zu erzählen - in seinem Leben ist unglaubliches geschehen. Aber lesen muß man sie nicht - vielleicht läßt er sich ja irgendwann auch noch überreden, es in einem langen Interview, vielleicht einem Mehrteiler, zu erzählen. Das könnte ich dann wirklich jedem empfehlen.

Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki, geboren 1920 in Polen, war als 9jähriger nach Berlin gekommen. 1938 von den Nazis nach Polen deportiert, überlebt er das Warschauer Ghetto. 1958 kehrt er in die BRD zurück. Er gilt als der einflußreichste Literaturkritiker des deutschen Sprachraums.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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