Sven Regener - Herr Lehmann

Originaltitel: Herr Lehmann
Roman. Eichborn Verlag 2001
300 Seiten, ISBN: 3442453305

Eigentlich sollte es ein Scherz sein, dass Frank wegen seines bevorstehenden dreißigsten Geburtstages nur noch "Herr Lehmann" genannt wurde - ein Scherz, der sich aber rasch verselbständigt hat. Nun nennt man ihn überall nur noch "Herr Lehmann". Überall - das sind die Kneipe, in der er abends Bier zapft, die Markthalle, in der sein bester Freund Karl kellnert, und noch ein paar Kneipen in Kreuzberg.

Eigentlich machen seine Freunde aber alle etwas ganz anderes. In der Kneipe zu stehen ist nur ein Zwischenstopp, ein notwendiges Übel, denn eigentlich sind sie Künstler, Maler, Schriftsteller, Studenten, warten darauf, einen Platz an der HdK zu bekommen. Auch Herr Lehmann hatte einmal andere Pläne.

Es war auch ein Wochenende gewesen wie jedes andere. Samstag abend in der Kneipe, zu viel getrunken bei der Arbeit, ein seltsames Zusammentreffen mit einem Hund auf dem Heimweg; und dann, um 10 Uhr morgens der Anruf seiner Mutter. Die ihm ihren Besuch in Berlin ankündigt - etwas, was sie in den zehn Jahren, die er jetzt hier lebt, noch nicht getan hat. Das heißt für Herrn Lehmann, den Eltern auch das Restaurant zu zeigen, in dem er als Geschäftsführer arbeitet, wie er ihnen immer erzählt hatte - sie brauchen doch etwas, was sie den Nachbarn erzählen können, was können sie schon damit anfangen, dass er Bierzapfer in einer Kneipe ist! Obwohl das etwas ist, was er kann, was er richtig gut kann.

Und dann ist da noch Katrin. Die neue Köchin in der Markthalle, in die Herr Lehmann sich verliebt - und mit der er, nach langem, zögerlichen Werben, so was ähnliches wie ein Verhältnis hat.

Am Schluss ist Herr Lehmann dreißig, die Mauer ist gefallen, Karl hat einen Nervenzusammenbruch, er selbst hat Kreuzberg zweimal verlassen, um zum Ku´damm und zum Savignyplatz zu fahren - Zeit, sich noch ein Bier zu bestellen.

"Herr Lehmann" ist eine Geschichte, die man genausowenig nacherzählen kann, wie das eigene Leben; es passiert nichts dramatisches, es gibt zwar einige Ankerpunkte, an denen man die Geschichte festmachen kann, damit hat man aber noch gar nichts darüber erzählt, was dieses Leben wirklich ausmacht. So geht es mir auch mit diesem Roman: er lebt von der wunderbar genauen Beobachtung eines ganz alltäglichen Menschen; zwar kenne ich Kreuzberg, SO 36 aus der Zeit vor dem Mauerfall nicht, aber wenn man heute in den Prenzlauer Berg geht oder nach Friedrichshain, dann trifft man diesen Typus noch genauso.

Die Gespräche in den Kneipen, dieses ständige vorsichhin-Leben, bis man dazu kommt, das zu machen, was man doch eigentlich will - man braucht nur die Augen zuzumachen und sieht sie vor sich.

Sven Regener hat hier etwas geschafft, was selten ist: Freundschaften so dargestellt, wie man sie auch wirklich beobachten kann, mit all ihren nichtssagenden Gesprächen, den gemeinsam verbrachten Abenden, wo hauptsächlich Bier getrunken wird, den Frotzeleien, kleinen Gemeinheiten, der Hilflosigkeit und auch der selbstverständlichen Hilfsbereitschaft.

Wenn er beschreibt, wie Herr Lehmann in einem Stehimbiss beobachten muss, wie ausgerechnet Kristall-Rainer seiner Katrin den Rücken streichelt, dann ist das trotz oder gerade wegen der unprätentiösen Erzählweise anrührender, als wenn alle Register der Dramatik gezogen worden wären.

Man gewinnt ihn lieb, diesen Herrn Lehmann. Und man entwickelt sich mit ihm; es ist nicht viel, was passiert, aber trotzdem ist er am Ende ein Stück erwachsener geworden.

Sven Regener kann also nicht nur gute Songtexte schreiben, das hat er mit diesem Romanerstling deutlich bewiesen - ein Buch, das mir ans Herz gewachsen ist, und das ich gerne weiterempfehle!

Sven Regener

Sven Regener wurde am 1. Januar 1961 in Bremen geboren. 1985 war er Mitbegründer der Band "Element of Crime", die mit deutschsprachigen Alben wie "Damals hinterm Mond" und "Weißes Papier" große Popularität erlangte. Sven Regener ist Sänger und Texter der Gruppe.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©18.08.2001 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing