Patrick Redmond - Der Schützling

Originaltitel: The Puppet Show
Krimi. C. Bertelsmann Verlag 2002
474 Seiten, ISBN: 357000323X

Verluste prägen die Kindheit Michael Turners; von einer Pflegefamilie zur nächsten abgeschoben, landet er im Heim. Und sobald er sich wirklich mit seinem Zimmergenossen angefreundet hat - wird dieser adoptiert und verlässt ihn wieder.

Ja, er hat einen weiten Weg zurückgelegt seither. Sein Studium, sein Beruf als Anwalt in einer hochkarätigen Wirtschaftskanzlei waren die äußeren Anzeichen - aber mehr noch als all das wog der Mensch, den es nun in seinem Leben gab, die Frau, die ihm alles bedeutete, bei der er gelernt hatte, wieder an die Liebe zu glauben - Rebecca. Bald wollten sie heiraten, sie ziehen in eine wunderbare Wohnung zu einem sagenhaft günstigen Preis. Kann man da nein sagen, wenn der Vermieter sich selbst auf einen Drink einlädt, um seine neuen Mieter einmal persönlich kennen zu lernen?

Natürlich kann man nicht. Und auch sonst ist dieser ältere Mann, Max, sehr einnehmend; eine wundervolle Stimme, aber das Wesentliche: ein Mensch, der seinen Gesprächspartnern die uneingeschränkte Aufmerksamkeit widmet. Nur Michael wehrt sich anfangs gegen diesen Eindringling in sein Leben. Aber nicht lange. Denn bald schon entdecken sie Gemeinsamkeiten in ihrer Vergangenheit: Kindheit und Jugend in Heimen.

Dass Max ein reicher Mann ist, ist offensichtlich. Dass er auch Einfluss hat, lässt sich erahnen. Aber wie viel Einfluss er hat, das bekommt Michael langsam immer mehr in der Kanzlei zu spüren. Nach und nach behandeln ihn die Seniorpartner anders, bevorzugen ihn; wichtige Aufträge landen plötzlich auf seinem Schreibtisch, und auch für Rebecca sieht die Zukunft rosig aus: endlich wird ihr Traum war, und sie darf ihre Bilder in einer bedeutenden Ausstellung zeigen.

Aber da ist auch und immer wieder Max. Max, der ungefragt abends auftaucht. Der Michael mit kleinen Tricks aus Familienessen rauslotst. Der mit ihm übers Wochenende aufs Land fährt, ihm in einen wichtigen Fall den Hals rettet. Rebecca fühlt sich mit der Situation immer unwohler - aber wohin sie sich mit ihrem Unbehagen auch wendet, sie stößt nur auf Verständnislosigkeit und harsche Kritik. Ja, sieht sie denn nicht, wieviel Gutes er für sie alle tut? Ja, seht ihr denn nicht, will sie verzweifelt antworten, dass hier etwas faul ist? Dass wir alle nur noch manipuliert werden wie Marionetten an einem Faden?

Oh ja, manipuliert wird hier in diesem Buch. Aber nicht nur Michael und seine Freunde lassen sich vereinnehmen; auch der Leser dieses Buches kann einfach nicht mehr damit aufhören, bevor es zu Ende ist.

War Patrick Redmond 1999 bereits mit seinem fulminanten Debut "Das Wunschspiel" aufgefallen, so ist es ihm mit seinem zweiten Buch tatsächlich gelungen, das Erste an Spannung und Qualität zu übertrumpfen. Seine Protagonisten sind nun erwachsen geworden; es ist kein Internat mehr, sind keine Schulkinder mehr, von denen hier die Rede ist. Michael Turner ist Jurist, wie auch der Autor selbst - und dass er von der Materie etwas versteht, ist dem Text anzumerken, so lebendig wird die Atmosphäre in der Kanzlei geschildert. Eine weitere große Verbesserung gegenüber dem ersten Buch ist, dass diesmal darauf verzichtet wurde, übersinnliche Erklärungen zu finden.

Gemordet wird in diesem Buch zwar auch, aber diese Tat ist völlig nebensächlich; was hier die Spannung erzeugt, ist die unglaubliche Abhängigkeit, in die Michael immer stärker gerät. Und mit welcher Eifersucht Rebecca plötzlich zu kämpfen hat; diese psychologischen Verstrickungen hat Patrick Redmond wirklich großartig geschildert. Ich glaube, fast jeder von uns hat es schon einmal erlebt, dieses Gefühl der Eifersucht, des Kontrollverlustes und des Misstrauens. So, wie der Autor es vermag, diese Emotionen zu vermitteln, erlebt man es selbst wieder mit.

Dann kam ein Part im letzten Drittel, der mich furchtbares vermuten ließ: ein glattes, banales Happy End. Doch weit gefehlt...

Nun habe ich dieses Buch bereits über den grünen Klee gelobt. Gibt es eigentlich auch etwas daran auszusetzen? Doch, durchaus. Manche Szenen geraten arg klischeehaft; die zwanghafte Angabe von Ort und Uhrzeit zu Beginn jedes Abschnitts hat mich ob ihrer Häufigkeit irgendwann zu stören. Aber insgesamt lässt sich feststellen: was mich störte, sind wirklich Kleinigkeiten. Aber das sollte auf keinen Fall davon abhalten, diesen hochgradig spannenden Roman zu lesen…

Patrick Redmond

Patrick Redmond, 1966 geboren, schreib schon während seiner Schulzeit Geschichten. Auf Drängen seines Vaters begann er aber ein Studium der Rechte und arbeitete damals in verschiedenen Anwaltskanzleien der Londoner City. In seiner Freizeit schrieb er seinen ersten Roman "Das Wunschspiel", der international für Furore sorgte und die Bestsellerlisten in England, Amerika und Italien im Sturm eroberte.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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