Ian Rankin - Puppenspiel

Originaltitel: (12) The Falls
Krimi. Manhattan 2001
633 Seiten, ISBN: 3442545463

Wenn ein junges Mädchen, eine Studentin, noch dazu aus guter Familie, verschwindet, arbeitet die Polizei auf Hochtouren. Schließlich will man vor allem eines verhindern: dass man irgendwann eine Leiche findet, und feststellen muss, dass das Mädchen noch lange am Leben war, man nur mit der Suche gescheitert ist.

Deshalb nimmt auch das Team um Inspector Rebus die Suche sehr ernst, als Philippa (Flips) Balfour verschwindet. Jedem noch so absurden Hinweis wird nachgegangen. Zum Beispiel der rätselhaften Mail, die man auf ihrem Computer findet, von einem anonymen Quizmaster.

An einem Rätsel hatte sie wohl offensichtlich teilgenommen, einem Spiel, bei dem ihr immer schwierigere Aufgaben gestellt wurden. Und dieser Quizmaster, in der Sicherheit seiner Internet-Anonymität, erklärt sich nur bereit, Auskünfte zu erteilen, wenn man sich im Gegenzug auf sein Rätsel einlässt. Das macht Shioban auch und wird tiefer hineingezogen, als sie sich selbst eingestehen will.

In der Zwischenzeit ist Rebus mit einer anderen Spur befasst: in der Nähe des Elternhauses des Mädchens wird ein Puppensarg gefunden. Seine Recherchen bringen ans Licht, dass solche Puppensärge schon häufiger aufgetaucht waren - und immer in der Nähe eines ungeklärten Todesfalles. Aber vor allem gibt es ein historisches Vorbild für die Puppensärge. Doch je mehr er über die einzelnen Fälle in Erfahrung bringt, umso weniger Zusammenhänge kann er finden...

Wenn ein Krimi über 600 Seiten aufweist, und das bei einem bereits seit etlichen Jahren eingeführten Ermittler wie Ian Rankin´s John Rebus, dann ist das meist kein besonders gutes Zeichen. Andere Krimiautoren sublimieren häufig ihre Schwierigkeiten mit der Weiterentwicklung einer so gut eingeführten Figur mit Geschwätzigkeit in ihren Plots. Das hatte ich ehrlich gesagt auch bei diesem Buch befürchtet - und wurde vom Gegenteil überzeugt.

Auf diesen 600 Seiten findet man als Leser eine überschaubare Anzahl von Handlungssträngen und Tatverdächtigen, alle gut ausgeführt, am Ende sauber verknüpft, plausibel begründet, und trotzdem mit Tempo erzählt. Und neben diesen Spannungsbögen bietet Rankin einen überzeugenden Einblick in die Arbeit eine Polizeireviers mit allen Machtspielchen, Rangeleien, der Langeweile und dem Druck, den Profilierungswünschen einzelner Kollegen. Es ist nicht nur eine Figur, die im Mittelpunkt steht - man begleitet auch andere Polizisten, wird in ihre Gedankenwelt eingeführt. Aber die Hauptrolle spielt John Rebus, dessen Zwiespalt man wunderbar nachlesen kann.

Auch Rebus ist ein einsamer Wolf, ein Außenseiter im Team, der lieber im Alleingang arbeitet, auch nicht immer ganz fair ist - solche Ermittler trifft man in den Krimis, die derzeit am Markt sind, sehr häufig an. Auch Rebus trinkt zuviel, hat sein Privatleben fast völlig unter die Polizeiarbeit untergeordnet, ist tendenziell depressiv - und trotzdem, im Vergleich zu Mankell´s Kurt Wallander ist Rebus geradezu lebenslustig.

Was ich an Rankins Krimis außerdem schätze ist das Lokalkolorit; es ist kein Wunder, dass in Edinburgh mittlerweile Führungen auf Rebus´ Spuren durch die Stadt für Touristen angeboten werden. Und, wie uns der Autor bei der Lesung versicherte, die Lokale, in denen Rebus verkehrt - die gibt es wirklich. Auch er selbst wäre manchmal in den Kneipen anzutreffen.

Eine Krimireihe, die ich unbedingt weiterempfehlen möchte - vor allem aber diesen speziellen Band, der bislang die anderen Rankin-Krimis nochmals deutlich übertrifft.

Ian Rankin

Ian Rankin, 1960 in Fife geboren, lebte in Edinburgh und London, bevor er mit seiner Frau nach Südfrankreich zog. Sein erster Roman erschein 1986 und wurde von der Kritik gefeiert. Der internationale Durchbruch beim Lesepublikum gelang ihm schließlich mit seinem melancholischen Serienhelden John Rebus, der mittlerweile aus den britischen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken ist.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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