Michel Quint - Die schrecklichen Gärten

Originaltitel: Effroyables jardins
Erzählung(en). btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2002
85 Seiten, ISBN: 3442750687

Wie kann ein erwachsener Mann, ein Lehrer, bei jeder sich bietenden Gelegenheit sein Clownskostüm auspacken und sich der Lächerlichkeit preisgeben? Seinem Sohn ist das jedenfalls furchtbar peinlich, zumal er auch immer angehalten wird, Zeuge der nicht besonders geglückten Auftritte des Vaters zu werden.

Und doch: die Menschen im Dorf begegnen ihm mit großem Respekt, als wäre ihnen die Peinlichkeit gar nicht bewusst, die er sich leistet. Als wäre etwas Bewundernswürdiges selbst noch darin, immer wieder die Zeit, die eigentlich der Familie hätte gelten sollen, an Fremde zu vergeuden.

Erst als er schon älter wird, weiht sein Onkel ihn in die großen Familiengeheimnisse ein; nachdem sie im Kino "Die Brücke" mit Bernhard Wicki gesehen hatten, nimmt der Onkel ihn beiseite und erzählt.

Erzählt von dem Erlebnis, das ihrer beider Leben bis an die Grundfesten erschüttert hatte. Es war die Zeit der deutschen Besatzung. Und es schien so selbstverständlich, sich der Resistance anzuschließen - weniger aus Überzeugung denn aus Langeweile. Eines Tages hatten sie den Auftrag erhalten, eine Trafostation in die Luft zu sprengen. Mit dem Glück der Anfänger gelang dies, ohne auch nur den Funken des Verdachts auf sie zu lenken.

Und trotzdem wurden sie am nächsten Morgen festgenommen - als Geiseln. Solange, bis jemand sich zu diesem Anschlag bekannte, sollten sie festgehalten werden; und dass das nicht geschehen konnte, war nur zu klar. Sie waren nicht alleine; noch zwei junge Männer waren mit ihnen in ein Lehmloch geworfen worden, aus dem es auch ohne Bewachung kein Entrinnen gab.

Aber sie werden bewacht. Von einem einzelnen deutschen Soldaten, der plötzlich anfängt, ihnen Fratzen zu schneiden. Und mit Brotstullen zu jonglieren. Will er sich über sie lustig machen? Doch wider Willen fangen sie doch an zu lachen. Und in dieser Begegnung, in den Blicken, in denen der Vater in Wickis Seele schaut, liegt der Schlüssel zu dem traurigen Clown, der heute unermüdlich versucht, Kinder zum Lachen zu bringen...

Der Drang, dieses Buch auf jeden Fall lesen zu müssen, wurde durch eine Freundin ausgelöst, die mir die Geschichte voller Enthusiasmus erzählt hatte. Nichts hatte sie dabei vergessen; weder die Scham, die den Jungen bei den unverhüllten Liebkosungen seines Onkels befällt, noch die Augenblicke, in denen man spürt, was Bernhard Wicki mit seinen Clownereien eigentlich bezwecken will.

Die erste böse Überraschung bereitete mir der Preis: für 85 sehr groß bedruckte Seiten €15,- auszulegen ist schon relativ viel. Dann hat der Verlag, wohl um den Umfang voluminöser wirken zu lassen, auf nicht aufgeschnittene Doppelbögen zurückgegriffen.

Ich kann es ja leider nicht wirklich vergleichen; aber wenn ich die Kommentare und Eindrücke meiner Freundin berücksichtige, die das Buch im französischen Original gelesen hat, und auch meinen persönlichen Eindruck von der holprigen, langweiligen Sprache, dann hege ich die starke Vermutung, dass die Übersetzerin hier bessere Arbeit hätte leisten können.

Aber dann gibt es in diesem Buch auch Momente, die den Leser einfach packen; ganz kurze Beobachtungen nur, ein Absatz; wenn Bernd Wicki, der Clown, mitten in seinen erheiternden Tolpatschereien durch einen Blick in die Augen die tiefe Verzweiflung und Scham spüren lässt, die ihn quält. Und das, was er den jungen Menschen in der Grube außer den Stullen noch mitzugeben hat; ein paar Worte nur, die wirklich Leben ändern.

Und doch: insgesamt ist mir von diesem Buch die mit so viel innerer Bewegung nacherzählte Geschichte auf viel intensivere Weise ins Gedächtnis gebrannt, als die Lektüre es vermocht hätte. Vielleicht ein Buch, das man einfach weitererzählen sollte…

Michel Quint

Michel Quint wurde 1949 in der Provinz Pas-de-Calais geboren, studierte Literatur und Theaterwissenschaften. geboren. Er lebt heute mit seiner Familie in Lille

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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