Anna Quindlen - Des Lebens Fülle

Originaltitel: Blessings
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2003
286 Seiten, ISBN: 3442750997

Es ist nicht einfach, für Lydia Blessing zu arbeiten. Mit ihren über 80 Jahren ist sie verbittert geworden, geizig wie viele reiche Leute, die ständig das Gefühl haben, übervorteilt zu werden, ungerecht und unleidsam. Nadine ist schon seit vielen Jahren für sie tätig; auf ihre Weise haben die beiden Frauen trotz ihres ruppigen Umgangstons miteinander doch auch eine gewisse Zuneigung füreinander entwickelt.

Skip hingegen ist neu auf dem wunderschönen alten Anwesen. Er kümmert sich um die in der letzten Zeit vernachlässigten Gärten, pflegt die Maschinen, die Gebäude - und preist sich trotz der mickrigen Unterkunft überglücklich, hier eine zweite Chance erhalten zu haben. Wer stellt schon einen jungen Mann ein, der bereits im Gefängnis gesessen hat?

Und wer würde ihm schon ein Baby anvertrauen? Das war der Grund, warum er das Neugeborene, das er eines Tages vor der Garage fand, niemandem zeigen wollte. Aus Büchern eignet er sich das nötige Wissen im Umgang mit der Kleinen an; und soweit es geht, nimmt er sie einfach mit, in einem Tragetuch um den Bauch geschnallt, um sie vor neugierigen Blicken zu verbergen.

Seine veränderte Haltung fällt Lydia Blessing, die die Angewohnheit hat, die Arbeiten auf ihrem Gut mit dem Fernglas zu überwachen, bald auf. Aber erst ein überraschender Besuch in seiner Wohnung bringt das Kind ans Licht. Es ist nun ihrer beider Geheimnis; mit dem Wachsen der Kleinen kommen auch in Lydia wieder die Erinnerungen hoch an ihr eigenes Kind, Meredith, der sie nie wirklich nahe gekommen war. Und es kommen auch die Erinnerungen an ihren Mann, der im Krieg gestorben war, an den Liebhaber, den sie als junges Mädchen hatte und der sie in Schwierigkeiten gebracht hatte; an das Gerede und Getratsche, an ihren Bruder, der sich eines Tages dann auf Blessings erschoss - und langsam, nach so vielen Jahren, fängt sie an, zu Begreifen, neu zu leben.

Doch die Vergangenheit lässt sich nicht einfach beiseite schieben - und die Idylle hält nicht lange stand...

Es ist ein klassischer Schmöker, dieses Buch von Anna Quindlen: ans Herz gehend, mit Protagonisten, die echte Sympathieträger sind trotz ihrer nicht immer ansprechenden Vergangenheit; ein Schuss Sozialkritik, ein bisschen Generationenkonflikt - und raus kommt ein Buch, das vielleicht nicht nach den höchsten literarischen Sternen greifen kann, aber solide Unterhaltung bietet.

Es ist der Autorin sehr zu gute zu halten, dass sie aus diesem melodramatischen Stoff kein völlig kitschiges Buch zaubert, sondern den Schwerpunkt mehr darauf legt, die kleine Geschichte hinter den großen Tragödien zu erzählen. Dass Skip von seinen Freunden reingelegt wurde und nun für immer mit dem Stigma des Verbrechers gezeichnet wird ist hier nur am Rande Thema; sein Versuch, sich dem Leben danach zu stellen, das zu machen, was er gut kann, seinen Platz zu behaupten, auch wenn es schwierig wird, wenn die alten Gewohnheiten so schnell und gut wieder aufgenommen werden könnten - das habe ich mit viel Anteilnahme mitverfolgt, so wie auch die Lebensgeschichte des armen reichen Mädchens, das Lydia eigentlich war.

Anna Quindlen

Anna Quindlen ist eine der bekanntesten amerikanischen Journalistinnen. Sie war lange Zeit als Kolumnistin für die New York Times tätig. 1992 erhielt sie den renommierten Pulitzerpreis. Inzwischen zählt sie in den USA zu den wenigen ganz großen Autorinnen, denen es gelingt, sowohl die Literaturkritik als auch das breite Publikum zu begeistern.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©17.07.2003 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing