Philip Pullman - Das Bernstein-Teleskop

Originaltitel: His Dark Materials III - The Amber Spyglass
Kinderbuch. Heyne Verlag 2001
585 Seiten, ISBN: 3453864247

Am Ende des zweiten Teils dieser Saga musste der Leser miterleben, wie Lyra entführt wurde - und Will´s Vater, unmittelbar, nachdem die beiden sich endlich gefunden hatten, getötet wurde.

Will sieht für sich jetzt nur noch eine Aufgabe: Lyra zu finden und ihr den Aleomether zu bringen, den er für sie aufbewahrte. Aber das liegt nicht im Interesse der Mächte, die ihm begegnen: Schließlich ist er im Besitz des magischen Messers, das im Kampf um die Weltherrschaft entscheidend sein könnte.

Dieser Krieg zwischen zwei Mächten weitet sich immer mehr aus: Lord Asriel, Lyras Vater, sammelt alle verfügbaren Kämpfer um sich, um gegen die Herrschaft der Kirche anzutreten. Diese hatte sich im Verlauf der letzten Jahrhunderte immer mehr zu einem Instrument der Kontrolle und Diktatur entwickelt. Mrs Coulter, Lyras Mutter, hatte lange auf ihrer Seite gestanden; und nun war sie mit Lyra verschwunden.

Durch die Kraft seines Messers gestärkt, aber vor allem durch seinen unbeugsamen Willen, der auch, wenn nötig, nicht davor zurückschreckte, zu töten, schafft Will es, sich Helfer zu sichern auf dem Weg zu Lyra. Zwei Engel stehen ihm zur Seite - und bald findet er auch Iorek, den Bärenkönig, der sein Volk in eine neue Heimat führen will, aber zuerst Will auf der Suche nach Lyra begleiten will.

In einem spannenden und dramatischen Kampf, in den auch die Heerscharen von Kirche und Lord Asriel verwickelt sind, gelingt es Will, Lyra aus den Fängen ihrer Mutter zu befreien. Aber immer noch sind sie nicht bereit, sich zu Lord Asriel zu gesellen; sie haben noch eine weitere Aufgabe. Lyra will ihren Freund Roger aus dem Reich der Schatten befreien...

Dieser dritte Teil der Serie war für mich der mit Sicherheit Beste! Von Anfang an ist man wieder in der Geschichte drin, kann sich von Pullmans Erzähltempo mitreißen lassen. Was mich am zweiten Band gestört hatte, die zu raschen Wechsel der Erzählperspektive, das Übermaß an Action im Verhältnis zum Erzählplot, ist hier nicht mehr zu finden; mit viel Liebe zum Detail lässt Pullman hier immer wieder neue Welten entstehen, und schafft es zugleich, das Tempo in der Erzählung zu halten.

In mancher Reaktion zu diesem Buch war von Gotteslästerung die Rede, weil Pullman seine Gestalten Krieg gegen die Kirche führen lässt. Aber Pullman ist dafür zu geschickt; was er anprangert, ist eine Institutionalisierung, wie sie beispielsweise in der Kirche geschieht; er wettert gegen die Fixierung auf das Jenseits. Wenn er zum Beispiel einen Priester vorführt, der durch jahrelange Selbstgeißelung quasi im Voraus für eventuell zu begehende Sünden büßt und dadurch prädestiniert ist für die Aufgabe, Lyras Mörder zu werden, dann führt das auf sehr deutliche Weise ein Gesellschaftsmuster vor, das manche Religionsgemeinschaften praktizieren.

Pullman hat für seine Saga ziemlich alles zusammengewürfelt, was ihm unter die Finger kam. (Und: er hat es großartig gemacht!) Seine Unterwelt ist ebenso entliehen wie die Geschichte des gefallenen Engels, der zur personifizierten schwarzen Macht wird. Diese Anspielungen machen die Story auch für erwachsene Leser zu einem echten Vergnügen, weil das, was als Jugendbuch beginnt, plötzlich erstaunlich vielschichtig wird.

Zwar gibt es im Verlauf des Buches einige logische Inkonsequenzen, lösen sich manche Rätsel nicht völlig auf (wo bleibt die große Versuchung für Lyra?) - aber vor allem, wenn man das Buch in einem Zug durchliest, fällt das nicht allzu negativ ins Gewicht.

Absolut begeistert hat der Autor mich aber mit seinem Schluss. Ohne hier zu viel zu verraten: es gibt kein Happy End im klassischen Sinn. Dafür hat er es geschafft, ein Ende zu basteln, das gleichzeitig ein Anfang ist - ein Anfang im Kopf des Lesers. Bravo!

Philip Pullman

Philip Pullman zählt zu den angelsächsischen Autoren, die sich über literarische Gattungsgrenzen und die Trennung zwischen Kinder- und Erwachsenenbuch souverän hinwegsetzen. Für seine unterhaltsamen Romane benutzt er Elemente des Abenteuerromans, des Thrillers, der Fantasy und des Märchens.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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