Philip Pullman - Der goldene Kompass

Originaltitel: His Dark Materials I - Northern Lights
Kinderbuch. Heyne Verlag 1996
410 Seiten, ISBN: 3453137442

Alleine in einem College aufzuwachsen, erzogen von den Wissenschaftlern, die sich dort tummeln, dem Rektor, und der Wirtschafterin, ist sicher nicht gerade selbstverständlich.

Aber Lyra kennt es eigentlich nicht anders; Spielkameraden vermisst sie nicht, die findet sie genug in und um das College herum. Gemeinsam mit ihrem besten Freund durchforscht sie die Dächer, die Gassen, die Keller der Anlage und kommt nur solange zum Unterricht, bis der gerade eingeteilte Wissenschaftler erleichtert registriert, dass sie den Unterricht der Straße vorzieht.

Dass sie sich also nicht unbedingt an die festgeschriebenen Regeln hält, kann man sich wohl vorstellen. Dass sie es aber wagt, sich im Ruhezimmer zu verstecken, wo der Zutritt ihr aufs Strengste verwehrt ist, um zu belauschen, was ihr Onkel zu berichten hat, ist höchst riskant. Doch so kann sie verhindern, dass ihr Onkel vergiftet wird, und erfährt zum erstenmal von der Existenz einer seltsamen Materie, die von den Wissenschaftlern als *STAUB* bezeichnet wird.

Hinter diesem *STAUB* sind verschiedene Strömungen her; vor allem aber die Kirche, die ein großes Interesse daran hat, diese Materie unter Kontrolle zu bringen. Dazu ist ihr jedes Mittel recht - und da die Forschungen ergeben, dass Kinder diesen *STAUB* nicht anziehen, dass ihre Daemonen etwas damit zu tun haben, werden Kinder eingefangen und in den hohen Norden gebracht.

Auch Lyra wird aus dem College weggeholt - aber ganz offiziell. Mrs. Coulter nimmt sie mit nach London, um sich um ihre Erziehung zu kümmern, mit Billigung des Rektors. In letzter Minute, kurz vor ihrer Abreise, drückt er ihr aber noch ein seltsames Gerät in die Hand: einen Aeromether, einen Wahrheitsmesser, den lesen zu lernen Wissenschaftler eine Ewigkeit brauchen.

Auch Lyra lässt sich anfangs vom Glanz blenden, der Mrs. Coulter umgibt. Doch aufgeweckt wie sie ist, stellt sie doch bald fest, dass diese Frau etwas mit dem seltsamen Verschwinden der Kinder zu tun hat - und mit *STAUB*. Also macht sie sich, gemeinsam mit Freunden, auf in den Norden, um die Kinder zu befreien...

Diese Reise in den Norden, die Abenteuer, die dabei zu bestehen sind, die seltsamen Wesen, die sie auf diesem Weg begleiten - das zu lesen ist wirklich allergrößtes Lesevergnügen. Lyra ist eine ausgesprochen sympathische Protagonistin; das kleine Mädchen weist genau die richtige Mischung aus Tapferkeit, Mut, Gewitztheit und Naivität auf, um den Wunsch zu wecken, doch auch wie sie zu sein, ihr nachzueifern.

Besonders gut gefallen hat mir auch der Gedanke daran, seine Seele als Daemon, als Tier mit sich herumzutragen; bei Kindern ist dieser Daemon noch wandelbar, kann seine Gestalt noch verändern, während ein Erwachsener mit dem Daemon auch sein Wesen präsentiert. Dabei ist immer darauf zu achten, dass die Distanz zwischen den beiden nicht zu groß wird, weil sonst beide darunter leiden - ein schönes Bild, das sich tief ins Gedächtnis einprägt.

Einziger Wehmutstropfen an diesem Buch war, dass eine wichtige, sympathische Hauptfigur sterben muss. Ansonsten hoffe ich, dass auch die eigentliche Zielgruppe, die Jugendlichen ab 12, soviel Spaß an dem Roman haben, wie ich ihn beim Lesen hatte.

Philip Pullman

Philip Pullman zählt zu den angelsächsischen Autoren, die sich über literarische Gattungsgrenzen und die Trennung zwischen Kinder- und Erwachsenenbuch souverän hinwegsetzen. Für seine unterhaltsamen Romane benutzt er Elemente des Abenteuerromans, des Thrillers, der Fantasy und des Märchens.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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