Annie Proulx - Mitten in Amerika

Originaltitel: That Old Ace in the Hole
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2003
510 Seiten, ISBN: 3630871429

Bob Dollar war bei seinem Onkel Tam in Denver in einer winzigen Wohnung oberhalb des kleinen Trödelladens, den dieser betrieb, aufgewachsen. Seine Eltern hatten ihn dort eines Tages vor die Tür gelegt und sich nach Alaska aufgemacht - und nie wieder von sich hören lassen. Eigentlich hätte ihm nichts Besseres passieren können, davon war Bob überzeugt - so ärmlich es bei seinem Onkel auch war, wusste er doch, dass er sich auf ihn immer verlassen konnte.

Und nun hatte er seinen ersten richtigen Job. Als verdeckter Scout war es seine Aufgabe, im texanischen Panhandle nach Farmern zu suchen, die das unwirtliche Land nicht länger bestellen mochten, so dass darauf große Schweinemastbetriebe errichtet werden konnten.

Warum er sich besser eine Tarnung für den Aufenthalt in der kleinen texanischen Stadt Woolybucket zulegen sollte, erfuhr er bald genug: die Anwohner waren von den Schweinefarmen, die sich im Panhandle ansiedelten, nicht eben begeistert, da der Gestank auch die verbleibenden Farmen im Wert beträchtlich minderte - von der schwindenden Lebensqualität und den Krankheiten, die durch die scharfen Dämpfe verursacht wurden, ganz abgesehen.

Sein Vorgesetzter hatte Bob geraten, sich in Zimmer bei einer älteren Frau zu suchen, da er so durch den ganzen Klatsch und Tratsch am leichtesten an Informationen über Farmen, die nur noch von den Alten bewohnt wurden, von Betrieben, die von den Kindern liebend gern abgestoßen werden würden, herankommen würde.

LaVon, seine Vermieterin, war in dieser Hinsicht eigentlich eine Goldgrube. Mit Leidenschaft damit beschäftigt, die Geschichte der Familien, die den Panhandle besiedelt hatten, zusammenzustellen, erzählte sie Bob in unzähligen Stunden anhand alter Fotos die Geschichten, die das Wesen der Menschen hier prägten. Bob, dessen Interesse an Geschichte ohnehin schon groß war, hörte ihr mit Vorliebe zu - aber nicht nur ihr, er lauschte auch den Geschichten der Männer in der einzigen Wirtschaft der Stadt, oder hörte auf das Damenkränzchen, das den Quilt für die jährliche Verlosung stickte, und vergaß darüber beinahe seine eigentliche Aufgabe.

Doch Global Pork Rind erwartete Leistung - und Bob Dollar wollte nicht so sein wie seine Eltern, die sich einfach aus der Verantwortung gestohlen hatten. Er wollte seine Aufgabe zu Ende bringen, auch wenn er immer klarer erkannte, dass sie nicht seiner Überzeugung entsprach...

Die hier beschriebene Rahmenhandlung dieses Buches spielt auf den über fünfhundert Seiten tatsächlich aber nur eine untergeordnete Rolle, verschwindet im Mittelteil fast völlig aus dem Augenmerk des Lesers und meldet sich gegen Ende mit viel Nachdruck zurück, der allerdings mehr dem Wunsch, einen Abschluss zu finden getragen wird als überzeugend zu sein.

Das, was dieses Buch eigentlich ausmacht, ist ohnehin in den Randgeschichten verborgen - eine liebevolle Schilderung einer Landschaft und der Bewohner, die sich hier niedergelassen haben. Mit der ihr eigenen klaren Sprache, der Liebe zum Detail schafft die Autorin es, das riesige Gebiet, das einst der *Wilde Westen* war, lebendig werden zu lassen. Dabei betreibt sie keine Schönrederei - nicht nur den Reiz der kargen Landschaft beschreibt sie, sondern auch den Raubbau, der hier betrieben wurde, den Schaden, der durch die Ölförderung entstanden war, die Wasserknappheit, die sich in den nächsten Jahren noch verstärken wird und natürlich auch, was durch die Massentierhaltung mit dem Land geschieht.

Vor allem aber schildert sie die Menschen, die hier nach wie vor ausharren - wenig junge Leute sind dabei, die kommen nach dem Studium selten wieder zurück, um hier zu leben. Die Älteren sind es also, die bleiben - und die sich im Laufe der Jahre die eine oder andere Kauzigkeit angewöhnt haben, die vom Rest der Anwohner toleriert und auch geschätzt wird. Man kennt sich hier, kennt die Eigenheiten und auch die Geschichte der Familien.

Wenn man dieses Buch liest, erhält man vielleicht ein klein wenig mehr Einblick in das Leben eines Menschenschlages, der zumindest mir in seiner konservativen, sehr gläubigen Einstellung bislang eher unverständlich blieb. Ich konnte mich allerdings auch des Eindrucks nicht erwehren, dass das unter anderem auch eine der Absichten der Autorin war; ihr Blick auf die Bewohner ist doch recht nachsichtig, die Kauzigkeiten, ja auch die Verbrechen werden eher nachsichtig geschildert, und der Ku-Klux-Klan wird hier zu einer Wohlfahrtseinrichtung, der nur eben keine besondere Vorliebe für Menschen mit anderer Hautfarbe, jüdischen oder katholischen Glaubens oder unmoralischer Lebensweise hatte.

Die Dramaturgie im Kleinen ist hier gut gelungen; die einzelnen Geschichten gut erzählt und stimmig, aber für die Rahmenhandlung trifft das leider nicht zu. Das hat meine Leseleidenschaft dann auch manchmal deutlich gebremst; hatte ich erst zu lesen begonnen, dann war auch mein Interesse für die erzählten Episoden da, aber der Wunsch, nach einer Unterbrechung so rasch wie möglich wieder zu diesem Buch zurückzukehren war eher gering. Dazu trug auch die Angewohnheit bei, bestimmte Worte in dem texanischen Akzent angepasster Schreibweise wiederzugeben; die Übersetzerin, Melanie Walz, hat sich hier sichtlich Mühe gegeben, zwischen Äquivalentem im deutschen Sprachgebrauch und zumutbaren Originalwörtern Balance zu halten. Dennoch hat es mich beim Lesen irritiert, von "Deddy" zu lesen, um nur ein Beispiel zu nennen.

An die "Schiffsmeldungen" reicht "Mitten in Amerika" nicht heran, doch wer wie ich von der langsamen und bedächtigen Erzählweise der Autorin angetan ist und mit ihr einen Blick auf ein Amerika jenseits der großen Städte werfen will, wird sicher auch dieses Buch genießen.

Annie Proulx

Annie Proulx wurde 1935 in Connecticut geboren, wo die Familie der Mutter (Engländer) seit 350 Jahren sesshaft ist. Der Vater stammt von Frankokanadiern ab. E. Annie Proulx lebte mehr als 30 Jahre in Vermont, war dreimal verheiratet, hat drei Söhne und eine Tochter. !995 zog sie nach Wyoming, wo sie alle ihre Romane geschrieben hat. Für Ihren Roman "Schiffsmeldungen" wurde sie unter anderem mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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