Originaltitel: The Shipping News
Roman. S. Fischer Verlag 1995
395 Seiten, ISBN: 3596130417



Quoyle ist 36, groß dick, unbeholfen, schüchtern - und irgendwie unfähig.
Er hat gerade seinen Job bei der Zeitung verloren, seine einzigen Freunde sind nach Kalifornien gezogen. Die Eltern, die gerade Selbstmord begangen haben, hinterließen ihm auch nur Schulden, von seinem Bruder ist keinerlei Unterstützung zu erwarten.
Noch bevor er diesen Schlag verarbeitet hat, kommt schon der nächste - seine Frau, die ihn nur ganz zu Beginn ihrer Bekanntschaft begehrt hatte, und seine Gegenwart nun als unerträglich empfindet, ist mit den Kindern und ihrem neuen Liebhaber über alle Berge.
Die Tatsache, dass sie die Kinder mitgenommen hat, verstört ihn geradezu - schließlich konnte sie die Kleinen nie leiden, war nicht zur Mutter geboren. Da erreicht ihn die Nachricht - sie und ihr Liebhaber sind tot, die Kinder, die sie an einen Pornofilmer verkauft hatten, wohlauf.
Seine Tante überredet ihn, einen Neubeginn in Neufundland zu wagen. Er hätte doch hier ohnehin nichts mehr zu verlieren. So macht er sich auf in diese unwirtliche Gegend, in ein Haus, das ausgesprochen renovierungsbedürftig ist.
Auch die Kinder haben große Anpassungsschwierigkeiten, Quoyle fürchtet das Meer und soll nun ausgerechnet die Schiffsmeldungen verfassen.
Doch langsam gewöhnen sie sich an das rauhe Klima, die spröden Menschen, und gewinnen Freunde unter ihnen...
Die Handlung in diesem Roman ist gänzlich unspektakulär, die Geschichte kommt ganz leise daher.
Quoyle ist ein Loser, dem es vor allem an Selbstbestätigung mangelt, die er Zeit seines Lebens nie erfahren hat. Er verwechselt über lange Zeit das heiße Begehren, das er seiner Frau entgegenbringt, mit Liebe, glaubt, mit den Schmerzen, die sie ihm mit ihrem andauernden Fremdgehen bereitet, zahlen zu müssen.
Der Prozess der langsamen Annährung an seine neuen Nachbarn, die harte Arbeit, die er selber leisten muss, und die Anerkennung, die ihm dafür zuteil wird, bewirken eine Veränderung in ihm.
Im Laufe der Zeit erfährt er auch einige Geheimnisse über seine Familie, die ihm manches aus der Vergangenheit klarer erscheinen lassen.
Eine besonders starke Figur ist die Tante, die ihr Lebensgeheimnis lange zu verstecken weiß.
Es ist kein aufregendes, aber ein sehr schönes, bewegendes Buch, das weder auf die Tränendrüse drückt, noch mit Action aufwartet - und gerade deswegen tiefen Eindruck hinterläßt.
Nachtrag vom 12. Dezember 2000:
Auch beim wiederholten Lesen kann ich nur wieder bestätigen: ein außergewöhnliches Buch. Die karge, spröde Sprache, die häufig unvollendeten Sätze passen zur Schroffheit der Landschaft, die hier geschildert wird. Und so, wie Quoyle seine Zeit braucht, um hinter die Schönheiten Neufundlands, hinter den Witz und Humor der Bewohner - und auch ihrer Hilfsbereitschaft zu kommen, braucht auch der Leser eine gewisse Zeit, in diese Sprache hineinzuwachsen.
Es ist sicher auch ein Buch, für das man Muße braucht - aber es lohnt sich auf alle Fälle!
Annie Proulx wurde 1935 in Connecticut geboren, wo die Familie der Mutter (Engländer) seit 350 Jahren sesshaft ist. Der Vater stammt von Frankokanadiern ab. E. Annie Proulx lebte mehr als 30 Jahre in Vermont, war dreimal verheiratet, hat drei Söhne und eine Tochter. !995 zog sie nach Wyoming, wo sie alle ihre Romane geschrieben hat. Für Ihren Roman "Schiffsmeldungen" wurde sie unter anderem mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet
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