Halina Poswiatowska - Erzählung für einen Freund

Originaltitel: Opowiesc dla przyjaciela
Roman. Piper Verlag 2000
236 Seiten, ISBN: 3492234917

Eine verschleppte Angina in der Kindheit verursacht einen schweren Herzfehler bei der Ich-Erzählerin dieses Romans, der stark autobiographisch geprägt ist.

Ihre Kindheit verbringt sie zum Großteil im Bett. Ihr schwaches Herz erlaubt ihr nur sehr kurze Zeit, eine normale Schule zu besuchen; ihre Mutter pflegt und unterrichtet das intelligente und sensible Mädchen.

Lange Krankenhausaufenthalte gehören zu ihrem Alltag; aber so schlimm ihre Beschwerden auch sein mögen, das zuversichtliche Lächeln ihrer Mutter gibt ihr Gewissheit, dass sie überleben wird.

Bei einem ihrer seltenen Abende außer Haus, als sie vor ein paar uninteressierten Jugendlichen ihre Gedichte vorliest, lernt sie den Freund kennen, dem dieser Roman auch gewidmet ist. Er ist blind; und er als einziger erkennt die ungeheure Sensibilität, die in ihren Texten steckt.

Wieder ein Sanatorium; und hier lernt sie einen ebenfalls herzkranken jungen Mann kennen, den sie bald danach auch heiratet. Wie konnten Sie nur! tadelt sie ihr Arzt; zwei so schwache Herzen... und seines schlägt auch nicht lange.

Auch ihre Chancen stehen schlecht - eine Operation am offenen Herzen könnte ihr helfen, doch nicht hier, in ihrer Heimat - nur in Amerika ist das möglich. Das Wunder geschieht, polnische Emigranten sammeln in mühevoller Kleinarbeit die nötige Summe, und sie kann operiert werden.

Hier beginnt auch ihr Bericht, ihre langen Briefe an ihren Freund; sie erzählt ihm von den nachtschwarzen Stunden, ihrer Verzweiflung, der Angst. Und auch davon, wieviel Liebe und Unterstützung sie von all diesen fremden Menschen erfährt.

Die schwere Operation ist überstanden. Und nun zeigt sich ihr unglaublicher Wille erneut; sie will nicht zurück. Nicht sofort. Ohne die Sprache zu können, ohne einen Geld will sie hier bleiben und studieren....

Jeder hat sich selbst schon bemitleidet, sich selbst vorgejammert, wieviel besser es ihm hätte ergehen können. Ich bin sicher, auch die Autorin kannte dieses Gefühl; aber bei ihr führte es nicht zum Jammern und Aufgeben, es hat ihren Kampfwillen nur noch verstärkt.

Aber diese Demonstration eines starken Willens war es nicht, was mich an diesem Buch so angerührt hat.

Sie beobachtet ihre Umgebung sehr genau, und sie lässt uns an ihren Erfahrungen auf sehr behutsame Weise teilhaben; an ihrer Sprache kennt man die Lyrikerin, die lange nach den richtigen, genauesten Worten sucht.

Dabei überzieht keine Patina ihre Erzählung, kein verklärendes "Alles ist gut". Ihre Ehrlichkeit ist manchmal hart und bitter, aber nicht schrill und schmutzig.

Es ist ein sehr stilles Buch - das ich von ganzem Herzen weiterempfehle.

Halina Poswiatowska

Halina Poswiatowska, 1935 in Tschenstochau geobren, litt seit ihrer Kindheit an einem schweren Herzfehler. Nach ersten Gedicht- veröffentlichungen 1957 schriftstellerischer Durchbruch; 1958 dank einer spektakulären Spendenaktion Herzoperation in Philadelphia; bis 1961 Studium in Massachusetts und New York, danach in Krakau. Zwischen 1958 und 1968 wurden vier Gedichtbände von Halina Poswiatowska veröffentlicht. Ihr autobiographischer Roman "Erzählung für einen Freund" erschien 1967, nur wenige Monate vor ihrem Tod.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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