Geir Pollen - Hutchinson´s Nachf.

Originaltitel: Hutchinsons Eftf.
Roman. Suhrkamp Verlag 2001
195 Seiten, ISBN: 3518412884

"Zeig mir die Leidenschaft, die nicht den Weg ins Antiquariat findet", pflegt einer der Stammkunden von Hutchinson´s Nachf. regelmäßig entschuldigend zu äußern. Thomas R. Vibe ist dieser Nachfahre Hutchinson´s, dessen Verdienst es war, eine Anleitung zum Fliegenfischen in Norwegen zu schreiben.

Seltsam ist die Familiengeschichte; aus welchem Grund die beiden Brüder Hutchinson damals aus Schottland nach Norwegen zogen, was denn dazu führte, dass sie sich miteinander überwarfen - man weiß es nicht, wird es niemals wissen. Doch was Robert Hutchinson für die Drammener getan hat, das kann man in dem schmalen Bändchen nachlesen, das nur noch in wenigen, bibliophilen Ausgaben überhaupt erhältlich ist.

Er führt ein sehr einsames Leben, dieser Thomas Vibe; abgesehen von den Gesprächen mit seiner Mitarbeiterin ist da nur noch seine Tante, und natürlich Solveig Fjellberg, die allerdings in London weilt. Die Tante kommt jeden Vormittag zum Tee; und ebenso still und unspektakulär wie ihr Leben ist auch ihr Tod, ihr Begräbnis. Nur wenige Menschen versammeln sich dabei; und anstelle von Geld- oder Blumenspenden erzählt Thomas Vibe von dem einen großen Wunsch, den seine Tante hatte: man möge doch das Andenken an ihren Vorfahren, Robert Dalton Hutchinson, nicht in Vergessenheit geraten lassen, möge nicht zulassen, dass das Grab dieses Mannes eingeebnet und zerstört werde.

Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, Abschied zu nehmen, fühlt Thomas; eine Zuflucht bleibt ihm noch, die kapriziöse Solveig, deren Passion den Kleidern gilt. Nicht irgendwelchen Kleidern; Roben, wie sie einst Prinzessin Maud getragen hatte, werden von ihr detailgetreu nachgeschneidert. Alles, was sie bewegt, pflegt sie Thomas zu erzählen; doch diesmal ist das Gleichgewicht verloren...

Worum es in dem Buch eigentlich geht, ist mir auch nach zweimaligem Lesen nicht wirklich klargeworden. Auf verschlungenen Wegen wird Familiengeschichte erzählt, wird geschildert, wie aus Thomas dieser schrullige Antiquar wurde, mit seiner Vorliebe für edle Krawatten - aber eigentlich ist es auch gar nicht wichtig, ob denn nun ein doppelter Boden in dieser Geschichte enthalten ist, ob die Erzählung zu irgendeinem Ziel führt. Denn was den großen Zauber dieses Buches ausmacht, ist die Sprache. Sätze wie "Das Leben ist von Zeit zu Zeit viel zu kompliziert für den, der dazu ausersehen ist, es zu leben" oder "Unerbittlich und notwendigerweise sei es des Menschen Los, der erste und zugleich der letzte im eigenen Leben zu sein", mit stiller Unaufdringlichkeit dargeboten, lassen den Leser kurz innehalten und einfach genießen. Die Sprache genießen, so verworrene Gedankengänge sie auch manchmal abbilden mag, die kuriosen Szenen genießen, die immer wieder erzählt werden - ein Buch, das man vielleicht einfach auf sich wirken lassen muss, wie es ist, ohne nach dem Sinn und der Daseinsberechtigung zu fragen.

Geir Pollen

Geir Pollen, geboren 1953, hat in Norwegen bislang drei Gedichtbände und drei Romane veröffentlicht.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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