Philip Roth - Nemesis

Originaltitel: Nemesis
Roman. Hanser Literatur Verlag 2011
224 Seiten, ISBN: 3446236422

Es hätte in vieler Hinsicht ein Traumsommer für Bucky Cantor werden können. Er war mit dem Studium fertig, hatte seine erste Anstellung in seiner Heimatstadt, Newark, erhalten, das Schuljahr gut hinter sich gebracht und war nun im Sommer Aufseher für den Sportplatz. Er konnte täglich nach seiner Großmutter sehen und ihr helfen. Er hatte sich verliebt - und diese Liebe wurde erwidert. Er war von der Familie seiner Angebeteten herzlichst aufgenommen worden.

Was also wollte er noch mehr vom Leben erwarten? Woher kam das Gefühl, kein ganzer Mann zu sein, seine Pflicht dem Vaterland gegenüber nicht zu erfüllen?

Nun - wir schreiben das Jahr 1944. Alle Freunde Buckys sind in den Krieg gezogen, kämpfen nun in Frankreich. Auch er war dafür ausgebildet, hatte den - wenn auch etwas klein geratenen - Körper eines durchtrainierten Kämfers. Und miserable Augen, deretwegen er als untauglich eingestuft worden war. Untauglich! Allejungen Männer, die man in der Stadt sehen konnte, waren entweder versehrt oder arbeiteten in kriegswichtigen Positionen. Es widerstrebte Bucky, eine gewisse Dankbarkeit zu empfinden, dem Tod nicht so unmittelbar ausgesetzt zu sein. Er, dessen Mutter im Kindsbett gestorben war, der seinen Vater, der im Gefängnis gelandet war, nie kennengelernt hatte, war bei seinen Großeltern aufgewachsen, hatte von seinem Großvater ein tief empfundenes Ehrgefühl vermittelt bekommen.

Nun übte er eben seine Pflicht am Sportplatz so gewissenhaft wie nur möglich aus. Und hatte viel Freude daran, den Jungen helfen zu können, wenn sie sich sportlich weiter verbessern wollten. Ihnen Regeln und Teamgeist vorzuleben.

Auch in diesem Sommer tauchten irgendwann die ersten Nachrichten von Polio-Fällen in der Stadt auf. Nicht besorgniserregend zu Beginn. Und eigenartigerweise hauptsächlich im italienischen Viertel. Doch dann fuhren eines nachmittags ein Auto voll junger Italiener ins jüdische Viertel, bauten sich ausgerechnet vor Buckys Sportplatz auf und spuckten wild um sich - um, wie sie sagten, die Polio auch bei den Juden zu verbreiten.

Es ist Buckys Glanzstunde. Ganz alleine bietet er den Italienern Paroli. Bringt sie dazu, wieder zu fahren, seine Jungs nicht weiter zu belästigen. Die Spucke am Gehweg wird sorgfältig mit heißem Wasser und Amoniak weggespült.

Doch kurze Zeit später sind zwei Jungs vom Sportplatz an Polio erkrankt, sterben innerhalb weniger Tage. Bucky besucht die Familien, spricht sein Beileid aus, besucht die Beerdigungen, quält sich mit der Frage nach dem Sinn, den diese Todesfälle haben sollen. Und verliert immer mehr den Glauben daran, dass der Gott, zu dem er nun doch mehr denn je beten solle, ein gütiger Gott sei, ja, dass er überhaupt existieren könne.

Die Polio-Fälle häufen sich. Nun ist es vor allem das jüdische Viertel, das betroffen ist; täglich gibt es mehr Todesfälle, und mit den zunehmenden Infektionen steigt die Angst und damit auch die Suche nach einem Schuldigen. Die Atmosphäre ist zunehmend angespannt - und Marcia, Buckys Verlobte, kommt mit einem Ausweg an. Er solle zu ihr kommen, ins Sommercamp, dort einen freigewordenen Posten als Schwimmlehrer übernehmen. Dort wäre er vor der Ansteckung sicher, die sie so sehr für ihn fürchtet.

Buckys Ehrgefühl lässt ihn diese Möglichkeit erst weit zurückweisen. Doch nachdem er erneut einer Familie sein Beileid aussprechen wollte und dort mit dem Vorwurf konfrontiert wird, ihn und seine Arbeit am Sportplatz träfe eine Mitschuld, knickt er ein.

Es ist der zweite große Knick in seinem Selbstbild - und er wird sich nicht mehr davon erholen. Bei aller Freude über das Wiedersehen mit Marcia merkt er doch, dass er nicht mehr glauben kann wie sie, dass er sie mit seinen Zweifeln aber auch nicht konfrontieren kann. Und nur wenig später kommt ihm noch ein weiterer furchtbarer Verdacht…

Nach zwei etwas weniger beeindruckenden Romanen hat Philip Roth für mich hier wieder einen ganz großen Wurf getan.

Auf wenigen Seiten entfaltet sich die Stimmung eines Sommers, der so idyllisch sein könnte, und es doch nicht ist. Bucky Cantor ist eine Figur, die allerdings fast schon ein wenig zu idealistisch erscheint am Anfang; so viel Ehrgefühl, so ein grader, aufrechter junger Mann, so fehlerlos bis auf eine körperliche Beeinträchtigung, die man ihm nicht zum Vorwurf machen kann. Und das alles, obwohl seine Startbedingungen nur suboptimal waren.

Doch dann kommt der erste Bruch in seinem Leben, die Ausmusterung und die damit verbundenen Selbstzweifel. Er meistert diese Herausforderung, versucht, das Beste daraus zu machen, ist also auch hier wieder Gutmensch durch und durch. Aber der anderen Herausforderung, die sich in seiner unmittelbaren Nähe stellt, dem Kampf gegen den unsichtbaren Feind Polio, ist er dann nicht gewachsen. Er kneift, und wird dadurch wahrscheinlich selbst zum Überbringer der tödlichen Krankheit an einem Ort, der bis dahin verschont geblieben war. Dass er selbst dann am Ende auch noch erkrankt, verkrüppelt und einsam dann seine Tage weiterhin in der Stadt verbringt, erfährt man am Ende, wenn man auch erstmals direkt mit dem eigentlichen Erzähler dieser Geschichte konfrontiert wird.

Es ist wie schon so oft eine großartig durchkomponierte Geschichte, in der das persönliche Drama, aber auch die Sinnfrage nicht zu kurz kommen. Meisterhaft erzählt, sehr ruhig und ohne Effekthascherei, kann man sich noch lange mit den Geschehnissen auseinandersetzen.

Philip Roth

Philip Roth, geboren am 19. März 1933 in Newark/New Jersey, studierte an der Bucknell University in Lewisburg / Pennsylvania und graduierte 1955 an der Universität Chicago zum Master of Arts für englische Literatur. Er erhielt mehrere literarische Auszeichnungen, zuletzt den Pulitzer-Preis für seinen Roman "Amerikanisches Idyll".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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