Richard North Patterson - Der Kandidat

Originaltitel: No Safe Place
Krimi. C. Bertelsmann Verlag 2000
477 Seiten, ISBN: 3570003094

Kerry Kilcannon, der bei den Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidatur der USA gegen seinen Widersacher Dick Mason antritt, wird unablässig von Traumen aus seiner Vergangenheit heimgesucht: Vom Tod seines Bruders James, in dessen Fußspuren er nun halb unfreiwillig tritt und der kurz bevor er Präsident wurde einem Attentat zum Opfer fiel. Von einer zerrütteten Kindheit mit einem häufig betrunkenen und gewalttätigen Vater. Von der Erinnerung an John Musso, einem damals achtjährigen Jungen, den Kerry als Anwalt vor einem ebenfalls gewalttätigen Vater zu retten versuchte und dessen Vertrauen er schließlich doch enttäuschte. Und von zwei unglücklichen Liebesbeziehungen. Vor allem aus seinem Verhältnis mit der Reporterin Lara Costello, die gegen seinen Willen ein Kind von ihm abtreiben ließ, drohen seine Feinde nun Kapital zu schlagen, indem sie das Wissen darum im Wahlkampf gegen ihn verwenden. Und dann gibt es da noch einen Fanatiker, der ein Attentat auf Kerry vorbereitet…

Keine Frage: Der Roman ist spannend, obwohl er die ewig gleiche, sattsam bekannte Wahlkampfstory vor dem Leser ausbreitet. Das liegt an der schnell wechselnden Szenenfolge, vor allem aber an dem Sack quälender Kindheitserinnerungen, den einige der Protagonisten mit sich herumschleppen und der ihr Leben zu einem fortwährenden Alptraum gestaltet. Denn die eigentlichen Themen von „Der Kandidat“ sind nicht Wahlkampf und politischer Mord, sondern Abtreibung und vor allem Gewalt in der Ehe. Insbesondere
Letzteres wird engagiert und oft bis an die Grenze des Erträglichen beschrieben.

Daß der Roman trotzdem einen schalen Nachgeschmack hinterläßt, liegt vor allem an der fragwürdigen Moral, die dem Ganzen zugrunde liegt. Bei allen Selbstzweifeln und Brüchen des Helden, die ihn sympathisch machen, ist der Roman doch durchdrungen von einer sehr amerikanischen Gewißheit der eigenen Rechtschaffenheit. Kerry Kilcannon nimmt für sich und diejenigen, die ihm nahe stehen, große Belastungen in Kauf und handelt bisweilen gnadenlos, weil er eben der bessere Mensch ist und auf keinen Fall jemand Schlechteres als er an die Macht kommen sollte – in seinen Worten: „Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, daß unser Land einen Mann wie mich braucht.“ (S. 410). Anders gesagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Mit dieser Begründung haben Demagogen von jeher ihre Handlungen gerechtfertigt.

So bewegt sich „Der Kandidat“ ständig zwischen hohen, ja naiven Moralvorstellungen („Tu das Rechte, dann kann sich alles noch zum Guten wenden“, S. 62) und dem selbstverständlichen Machtmißbrauch, mit dem Kerry seine Wertvorstellungen durchsetzt (z.B. gegen den korrupten Vincent Flavio, unter dem er als Anwaltslehrling arbeitete). Entsprechend fällt auch die indifferente Haltung des Protagonisten (und vermutlich des Autors) zu einem wichtigen Thema wie der Todesstrafe aus (Seite 229-230), welche seine klaren Aussagen zu den Waffengesetzen gleich wieder relativieren.

Ein weiteres Manko ist der Schluß: Daß sich am Ende herausstellt, daß der Attentäter mit John Musso identisch ist, ist völlig an den Haaren herbeigezogen und psychologisch unglaubwürdig. Auch wird trotz zahlreicher Hinweise nicht wirklich deutlich, warum es Kerry Kilcannon gelingt, dem Teufelskreis der Gewalt in seiner Familie zu entkommen, während andererseits eben jener John Musso sich aus diesem Netz nicht befreien kann, obwohl sein brutaler und gefühlloser Vater nach Johns achtem Lebensjahr aus dessem Leben verschwindet.

Fazit: Guter Schmökerstoff, aber mit Vorsicht zu genießen.

Richard North Patterson

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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