Ann Patchett - Bel Canto

Originaltitel: Bel Canto
Roman. Piper Verlag 2003
377 Seiten, ISBN: 3492043402

Ein prachtvolles Bankett war zu Ehren von Herrn Hosakawa veranstaltet worden; der japanische Industrielle sollte dafür interessiert werden, eine Fabrik in dem armen südamerikanischen Land zu bauen, dafür hatte man keine Kosten und Mühen gescheut. Es hatte große Anstrengungen bedeutet, ihn überhaupt erst hierher zu locken; erst nachdem man für eine horrende Summe die Opernsängerin Roxane Coss verpflichten konnte, hatte er zugesagt.

Der Abend war ein Erfolg gewesen. Die Villa des Vizepräsidenten bot einen wunderbaren Rahmen, jedes Detail war an seinem Platz, alles war perfekt abgelaufen - sogar die kurzfristige Absage des Präsidenten konnte überspielt werden. Herr Hosakawa hatte zwar trotzdem nicht vor, sich hier geschäftlich zu engagieren, und hatte auch leichte Gewissensbisse deswegen, doch die Vorstellung, dieser wunderbaren Stimme so nahe sein zu können, hatte für ihn den Ausschlag gegeben.

Auch als nach der Vorstellung alle Lichter im Saal erloschen, fanden die Gäste das noch nicht beunruhigend. Man war schließlich in Südamerika, solche Kleinigkeiten konnten schon einmal passieren. Aber dann, als das Licht zurückkehrte, hatte die Situation sich grundlegend geändert.

Terroristen hatten die Villa in ihre Gewalt gebracht. Waffenstarrende Männer, oder auch noch halbe Kinder, beherrschten nun das Bild - den Präsidenten wollten sie, mit ihm in ihrer Gewalt die Regierung stürzen; doch der Präsident war nicht erschienen. Er hatte es nicht über sich bringen können, die neueste Folge seiner Seifenoper zu versäumen; ein gravierender Fehler in der Planung der Terroristen.

Sie hatten sich rasch umentschieden - wenn sie den Präsidenten nicht haben konnten, dann würden sie eben alle Anwesenden als Geiseln nehmen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Oder doch zumindest die Männer und die Gesunden, denn wie ihnen der Rotkreuz-Unterhändler rasch klarmachte, war es ausgesprochen schwierig, über hundert Geiseln unter Kontrolle zu halten, sie zu ernähren.

Alle Frauen, Kinder und Kranken durften gehen, auch einige Männer - nur Roxane Coss nicht. Ihr Name war noch ein weiteres Druckmittel; so dachten die Geiselnehmer zumindest zu Beginn.

Zu diesem Zeitpunkt hatte jedoch noch niemand damit gerechnet, dass sich die Geiselnahme über vier Monate hinziehen würde. Vier lange Monate, in denen es nichts zu tun gab, als herumzusitzen, zu warten, die Geduld nicht zu verlieren - eine schwere Probe für beide Seiten.

Aber da gab es auch noch die Musik - ohne die Roxane nicht sein konnte, und mit deren Hilfe die Situation für alle erträglich wurde. Musik als Verbindung, als Sprache ohne Worte - das schafft die Autorin, dem Leser zu vermitteln, wenn sie von der zarten, stillen Leidenschaft erzählt, die zwischen Roxane und Herrn Hosakawa entbrennt, aber auch davon berichtet, wie im Laufe der langen Zwangsgemeinschaft eine Nähe zwischen Geiseln und Terroristen so etwas wie Freundschaft entsteht, die nur in dieser abgeschiedenen Welt existieren kann.

Ich habe ein wenig gebraucht, um mich wirklich in diese Geschichte hineinfallen lassen zu können; zu Beginn werden die Hauptakteure vorgestellt, wirkt alles noch ein bisschen aufgesetzt. Die Harmonie, die trotz des großen Drucks unter den Geiseln herrscht, erscheint bei näherer Betrachtung auch ein Wunschtraum der Autorin zu sein; aber nach einer Weile ist einem das als Leser egal, hört man auf, sich Fragen nach der Realität zu stellen, und genießt einfach diese wunderschöne Geschichte von großen Emotionen vor einer ungeheuerlichen Kulisse.

Musik, die Oper, spielt dabei die Hauptrolle - wer sich davon gefangen nehmen lässt, akzeptiert auch leichter, was hier erzählt wird. Beim Lesen im Hintergrund die passende Musik zu hören erhöht den Genuss mit Sicherheit.

Die Kitschfalle wird zwar nicht immer weiträumig umschifft, aber das stört beim Lesen nur unwesentlich; der Epilog hingegen hätte in meinen Augen nicht mehr sein müssen.

Trotzdem: ein nicht nur optisch sehr schönes Buch, an dem sicher noch mehr Leser Freude haben werden!

Ann Patchett

Ann Patchett, geboren 1963 in Los Angeles, wurde für ihren Bestseller Bel Canto mit dem PEN/Faulkner-Award und dem britischen Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Die Idee zu ihrem Roman "Bel Canto" entstand aus der Geiselnahme der japanischen Botschaft durch Guerrillas in Lima 1996, die erst vier lange Monate später beendet wurde. Ann Patchett lebt in Nashville/Tennessee.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©15.08.2003 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing