Arto Paasilinna - Der heulende Müller

Originaltitel: Ulvova Mylläri
Roman. Diana Verlag 1996
541 Seiten, ISBN: 3453150384

Ein Fremder aus dem Süden, Gunnar Huttunen, genannt Kunnari, lässt sich im Norden nieder, kauft eine halbverfallene Mühle - und wird deswegen belächelt. Was kann man aus dieser Mühle schon noch machen? Doch Kunnari hat handwerkliches Geschick, setzt erst die Schindelmaschine wieder instand, erwirbt sich erste Anerkennung.

Ja, er kann schon was, der Kunnari - und wenn er gut gelaunt ist, dann kann man in seiner Gegenwart wunderbar lachen. Die Jugendlichen aus dem Dorf zieht es auch magisch zu ihm hin, nächtelang sitzen sie in der Mühle ums Feuer und sehen zu, wie Kunnari die Tiere des Waldes nachmacht, oder die Bewohner des Dorfes mit ein paar Bewegungen wunderbar karrikiert.

Aber dann, von einem Moment zum anderen, ist er wieder völlig verschlossen. Liefert die Dachschindeln nicht aus, obwohl sie fertig daliegen, schickt die Leute wieder weg, heult den Mond an. So einer ist den selbstbewussten Dorfbewohnern natürlich ein Dorn im Auge.

Nur die neue Beraterin des Landwirtschaftsklubs, Sanelma, fühlt sich trotz dieser Verrücktheiten ganz stark zu Kunnari hingezogen. Auch wenn sie der Meinung ist, dass ihm geholfen werden müsste, sie wolle schließlich kein verrücktes Kind zur Welt bringen.

Um dieser Gefahr zu entgehen macht er sich sofort auf zum Arzt. Der soll ihm ein Mittel geben, damit er auch so normal wäre wie die anderen. Zwar taucht er dort mitten in der Nacht auf, aber an konventionelle Uhrzeiten hat Kunnari sich ohnehin noch nie gehalten. Und als der Arzt erst erkennt, was für ein fachkundiges Publikum Kunnari für seine Jagderzählungen abgibt, ist er erst auch sehr angetan. Aber, wie üblich - der Fremde übertreibt, bleibt nicht innerhalb der Grenzen, die ihm zugestanden werden. Eindeutig: er muss in die Irrenanstalt.

Dass ein freiheitsliebender Mensch wie Gunnar Huttunen dort erst recht verrückt zu werden droht, ist gewiss. So flieht er, versteckt sich - und das ganze Dorf beginnt mit der Jagd auf ihn….

Ja, ohne Zweifel gibt es in diesem Buch sehr viele Stellen, die zum Schmunzeln einladen. Das laute Lachen bleibt jedoch im Hals stecken; denn diese Geschichte zu lesen tut auch weh.

Was macht die Gesellschaft mit Menschen, die ein wenig außerhalb der Norm stehen? Die sich nicht an die üblichen Konventionen halten, einen Tick zu ehrlich sind, ihre Gefühle nicht verbergen?

Der Gerechtigkeitssinn wird beim Lesen dieses Buches auf eine harte Probe gestellt: zu offensichtlich ist, wie leicht die eigentlich ja auch nicht bösartigen Bewohner des Dorfes sich anstecken lassen, sich an der Hatz zu beteiligen.

Wobei die Schwarz-Weiß-Malerei bei den Dorfbewohnern doch ein klein wenig zu einfach geraten ist; zwar sind die Guten nicht durch und durch gut, aber an den Bösen lässt sich schwer ein gutes Haar finden.

Alles in allem ein Buch, das ich gerne gelesen habe, das mich zum Nachdenken angeregt hat - aber für Begeisterungsstürme reicht es nicht.

Arto Paasilinna

Arto Paasilinna wurde 1942 im lappändischen Kittilä geboren. Der Journalist und Schriftsteller gilt als einer der populärsten Autoren Finnlands; er hat bisher etwa 30 Romane verfasst. Für seine in mehrere Sprachen übersetzte Werke erhielt er zahlreiche Literaturpreise auch außerhalb seines Heimatlands.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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