Keith Ovenden - Eine Art Vermächtnis

Originaltitel: The Greatest Sorrow
Roman. CH Beck Verlag 2000
271 Seiten, ISBN: 3406460593

An einem Sonntag morgen wird Moser tot in seinem Bett gefunden - neben sich ein Fläschchen Aspirin, in der Hand einen Brief an seine vor einigen Jahren verstorbene Frau Vita.

Vor zwanzig Jahren hatte Philip Moser kennengelernt; beide hatten sie damals gerade erst angefangen zu studieren und waren sich ob ihrer Andersartigkeit trotz der unterschiedlichen Studienrichtungen - Philosophie und Vererbungslehrej - sehr rasch sehr nahe gekommen.

Sie waren nie wieder für so lange Zeit gemeinsam unterwegs wie in jenem ersten Sommer, als sie nach Frankreich reisten - und dort auf seltsame Weise Vita, Mosers spätere Frau kennenlernten.

Doch auch danach, auch als Philip selbst schon lange Alice kennen- und liebengelernt hatte, waren sie sich immer sehr nahe gestanden. Hatten gemeinsam die Eheprobleme durchstanden, hatten auch gegenseitig immer wieder Verständnis gefunden für die Fallstricke der Universitätslaufbahn. Gerade Moser war in der letzten Zeit im Kreuzfeuer der Akademiker gestanden; war das der Grund für seinen Selbstmord?

Philip hatte gerade eine Biographie über Alexander Herzen zu Ende geschrieben; schreibend versucht er sich nun dem verstorbenen Freund zu nähern, indem er ihre Geschichte nacherzählt, seine Trauer, seine Wut und Verlassenheit dadurch in den Griff zu bekommen versucht. Aber immer mehr gerät die Biographie von Moser zu einer Beschäftigung mit den eigenen Problemen; die Entfremdung von seiner Frau, sein Verdacht, sie könnte einen anderen lieben. Und er fängt an, die Aggressionen, die sich gegen den Verwaltungsapparat der Universität in ihm aufgestaut haben, auszuleben, auf jegliche Diplomatie zu verzichten - bis es zum Eklat kommt....

Manche Passagen in diesem Buch sind auf so unsentimentale Weise anrührend, dass man es kaum glauben mag, dass der völlig intellekt-fixierte Ich-Erzähler zu solchen Emotionen überhaupt fähig ist. Wenn das Wesen der Freundschaft zwischen den beiden Männern beschrieben wird, fängt man an, daran zu glauben, dass da wirklich etwas ganz Besonderes war.

Aber zum großen Teil war das trotzdem ein Roman, der sich vor allem an Intellektuelle richtet. An Menschen, die sich hauptsächlich mit Fremdworten verständigen und die mit den Interna an Universitäten vertraut sind; insofern war mir das Buch häufig zu "verkopft". Trotzdem: es lohnt sich.

Keith Ovenden

Keith Ovenden hat Englische Literatur und Politik in Keele/Mittelengland studiert und in Oxford promoviert. Ovenden war zunächst Lehrbeauftragter an der Universität in Essex und arbeitete später als freier Journalist beim Rundfunk. Nach zahlreichen Aufenthalten in den USA, Neuseeland, Frankreich und Polen lebt er heute in Warschau. Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten hat er mehrere Romane veröffentlicht. "Eine Art Vermächtnis" ist der erste Band einer Trilogie, deren zweiter Band in Kürze in England erscheint.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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