Alexander Osang - Die Nachrichten

Originaltitel: Die Nachrichten
Roman. S. Fischer Verlag 2000
448 Seiten, ISBN: 3596152569

Jan Landers sah gut aus, war pünktlich und versprach sich nicht. Die Eigenschaften also, die einen Nachrichtensprecher hauptsächlich auszeichnen mussten; er machte die Nachrichten ja nicht, verfasste sie nicht, er musste sie nur vorlesen. Und konnte vielleicht mit seiner Betonung einzelner Worte noch eine zweite Bedeutung unterschwellig mitschwingen lassen - das wars dann aber auch schon.

Dennoch: wenn man fortwährend mit den Meldungen vom Tagesgeschehen auf den Bildschirmen zu sehen war, hatte man rasch eines der bekanntesten Gesichter Deutschlands. Dass Jan Landers in Ostberlin aufgewachsen war, wusste aber kaum jemand.

Manchmal wusste er das selbst nicht mehr so genau. Zu verschwommen war seine Erinnerung an diese Zeit, als er auch verheiratet war, eine Tochter hatte. Zu lange war er wohl schon im Westen unterwegs - und doch auch hier immer noch nicht angekommen.

Ihm fehlte dieses selbstverständliche Wissen, wie viele Küsse zur Begrüßung angesagt waren, welche Bilder man an die Wand hängen konnte, was gerade angesagt war, und was hingegen so peinlich, dass es schon wieder Kult war.

Und gerade, als er kurz davor steht, auf der Karriereleiter ein kleines Stück nach oben zu klettern - gerade da wird ein Verdacht laut, der ihn ganz deutlich wieder zu einem aus dem Osten werden ließ: er solle IM gewesen sein, ein informeller Mitarbeiter der Stasi. Und Landers konnte noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, dass er es nicht war - er wusste es einfach nicht mehr.

Seine Reise in die Vergangenheit beginnt, sein Versuch, sich selbst wieder zu finden; und parallel sind auch eine Spiegelreporterin und ein abgetakelter Journalist eines Neubrandenburger Käseblatts dabei, sich durch den Aktenberg zu wühlen...

Als das Buch 2000 erschien, hatte ich anhand der Kritiken und Inhaltsbeschreibungen keine Lust, es zu lesen. Nicht schon wieder ein Ost-West-Rechtfertigungsbuch, war meine Befürchtung; zudem hatte ich aus welchem Grund auch immer, die Vorstellung eines ziemlich verqueren Schreibstils.

Umso positiver war ich dann auch überrascht, als ich das Buch nun tatsächlich gelesen hatte; man merkt, das Osang Journalist ist, er versteht es, einfach und flüssig zu erzählen, so dass man mühelos durch seinen Text gleitet.

Vor allem die erste Hälfte des Romans hatte mich wirklich überzeugt. Osang beobachtet sehr genau, er lässt die gesellschaftlichen Unstimmigkeiten sehr klar zutage treten, ohne sie dafür überzeichnen zu müssen. Dabei interessiert es beim Lesen auch weniger, aus welchem sozialen Hintergrund Jan Landers nun stammt, ob das nun Ostdeutschland ist oder einfach nur Provinz - was zählt, ist dieses Gefühl der gesellschaftlichen Unsicherheit und die Bemühungen, die unsichtbaren Klippen zu umschiffen. Auch wenn hier von Handlung nur wenig die Rede sein kann - die Beschreibungen sind ausgesprochen lesenswert.

Auch die Schilderungen von der Außenstelle der Behörde in Neubrandenburg, in der die Stasi-Akten aufbewahrt werden, ist sehr interessant zu lesen.

Aber dann will Osang doch noch Handlung in seinen Roman packen, und macht auf Tempo; lässt mit viel Energie, aber manchmal zu kurzem Atem, seine Protagonisten auf Stasi-Suche gehen. Dieses Tempo kommt zwar all jenen zupass, die sich wünschen, das in Romanen auch irgend etwas passiert; nur leider ist Osang dabei nicht mehr sorgfältig genug, hetzt zu einem Ende und lässt dabei seine Stärke, den Blick aufs Detail, außer Acht.

Wenn man von diesem Manko aber absieht, und auch keine tiefschürfenden Erkenntnisse über das Verhältnis von Ost zu Westberlin erwartet, hat man mit den "Nachrichten" auf alle Fälle gute Unterhaltung garantiert!

Alexander Osang

Alexander Osang, geboren 1962 in Berlin, ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Nach dem Studium in Leipzig wurde er Reporter, dann Chefreporter der Berliner Zeitung, für die er auch heute noch als Kolumnist arbeitet. Seit September 1999 ist er beim Spiegel, für den er zur Zeit aus New York berichtet. Für seine journalistischen Arbeiten erhielt Alexander Osang den Theodor-Wolff-Preis sowie 1993, 1999 und 2001 den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Er veröffentlichte mehrere Bücher mit Reportagen, darunter "Hannelore auf Kaffeefahrt".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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