Hanns-Josef Ortheil - Im Licht der Lagune

Originaltitel: Im Licht der Lagune
Roman. Luchterhand Literaturverlag 1999
330 Seiten, ISBN: 3630869998

Conte Paolo di Barbaro findet einen wunderschönen, scheinbar toten Jüngling in einem Boot. Im Kloster, in das der Leichnam gebracht wird, erwacht dieser wieder zum Leben. Allerdings kann er nicht erklären, woher er kommt, wie er in dieses Boot gekommen ist, wer oder was er eigentlich ist.

Nachdem Andrea, so sein Name, im Conte eine Art Vaterfigur sah, hatte dieser sich dann doch dazu bereit erklärt, ihn bei sich aufzunehmen. Der Junge ist seltsam, kennt keine Früchte, doch sämtliche Fische. Eines Tages beginnt er, sie zu zeichnen. Um die Orientierung in Venedig zu erlangen, beginnt er, auch die Stadt zu zeichnen. Und er beginnt, an den Gemälden, die der Conte ihm zeigt, herumzukritisieren; sehr zum Erstaunen des Conte ist diese Kritik wohlfundiert, Andrea erkennt Dinge, die bislang noch niemandem aufgefallen waren.

Im Palast nebenan ist die älteste Tochter, Caterina, endlich nach Hause gekehrt. Der Conte stellt zu seinem eigenen Befremden fest, daß er sich plötzlich mit Heiratsgedanken trägt, daß er sich verliebt hat. Doch Caterinas Vater hat andere Pläne; und so wird sie die Frau des jüngeren Bruders des Conte. Und Andrea, das hatte sie sich ausbedungen, sollte ihr Cicisbeo werden, ihr ständiger Begleiter, der die im Venedig dieser Zeit üblichen Kavaliersdienste zu leisten hat.

Während der Conte noch unter dem Verzicht leidet, sich damit tröstet, daß er Andrea und sein künstlerisches Talent fördert, verlieben sich Caterina und ihr Cicisbeo unsterblich ineinander - aber ihr Glück ist nicht von allzulanger Dauer. Denn als der Conte dahinterkommt, weiß er etwas dagegen zu unternehmen….

Ein nettes Buch, das sich - und das ist für mich bei Büchern, die im geschichtlich etwas weiter entfernten Bereich spielen, ein wesentliches Qualitätsmerkmal - vor allem durch eine schöne, dem Sujet, der gezeigten Gesellschaftsschicht und der Zeit angepaßte Sprache auszeichnet.

Die Geschichte selbst holpert hin und wieder; die Herkunft Andreas, sein angeblich so außergewöhnliches Talent - und dabei seine Unfähigkeit, zu erkennen, woher er eigentlich ist, - passen irgendwie nicht richtig zusammen. Auch seine Bindung an den Conte erscheint ziemlich an den Haaren herbeigezogen.

Wirklich wunderbar beschrieben sind jedoch die Bilder, und Andreas Ausführungen zu dem, was er so vor sich sieht - vor allem die Beschreibungen dessen, was er gemalt hatte, als er schon im Gefängnis saß....

Alles in allem ein Buch, das ich als gute Unterhaltung bezeichnen würde, aber trotzdem nicht unbedingt ein zweites Mal lesen muß.

Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil, geboren 1951 in Köln, lebt heute in Stuttgart. 1979 erschien sein erster Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©01.01.2001 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing